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Der Israelit · 1889-02-21 · Heft 15 (21.2.1889) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 15 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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269 werthvollste Material gab bisher eine vor etwa 30 Jahren in Oxford aufgefundene Familienchronik „D'ij'njo w'", welche 1734 von einem R. Pinchas in Ansbach niedergeschrieben wurde, und deren wörtliche Uebersetzung der Redner vorführte. Nach dieser Chronik wäre der Stammherr R. Salomo, ein kluger und bei allen polnischen Edlen sehr beliebter Jude, bei einer Königswahl, als sich die Großen über einen Fürsten nicht einigen konnten, auf daß kein Einzelner die Herrschaft an sich risse, auf eine Nacht zum Könige Polens gewählt worden, weßhalb er den Namen „Wahl" erhalten hätte. In jener Nacht habe er viele Gesetze zu Gunsten seiner Glaubensbrüder erlassen und sie fast völlig emanzipirt. Als der Sohn eines weisen Rabbiners in Padua sei er in seiner Jugend viel in Ländern nmhergereist und bis nach Brisk in Litthauen gekommen, wo er die Tochter des R. David Drucker hcirathete. Zu jener Zeit habe zufällig der polnische Fürst Radziwill auf einer seiner Reisen incognito, des letzten Hellers ledig, auch Padua berührt und, nachdem er durch seinen Siegelring sich kenntlich gemacht vom Vater Sauls ein größeres Darlehen unter der Bedingung erhalten, daß er dem in Brisk wohnenden Saul Gutes erweise. Der Fürst löste sein Wort ein, zog den klugen Saul an seinen Hof und fand Wohlgefallen an ihm. Wie ein Roman klingt die Fortsetzung der Familienchronik. Der Schreiber will nämlich weiter von seinem Großvater gehört haben, daß Saul Wahl nach seinem Rücktritt vom Königsthrone seine klnge und schöne Tochter Hendele einem berühmten Talmudjünger schimpflich verweigert und sie nur dem Reichsten habe geben wollen, wie er sich deßhalb viele Feinde erworben, wie diese beim Tode der Königin, als man die Schönsten im Lande zum Ersatz für den Harem suchte, Hendele verriethen, und Sauls Tochter nur durch die Warnungen des alten Freundes Radziwill gerettet worden sei. In hebräischen Schriften ist fast nichts über ihn enthalten, es sei denn die Notiz: „Wer nicht Saul Wahl mit seinen Söhnen, Schwiegersöhnen und Enkeln gesehen, der hat nie in seinem Leben soviel Thora und Neichthum und Ehre au einem Orte beisammen geschaut." Noch eine alte steinere Tafel zeugt in Brisk von seiner Frau Debora Drucker; ein von ihm gestiftetes Lehrhaus und Backhaus gingen bei den Kosackenversolgungen zu Grunde, sein Wappen und Geheimsiegel sollen ebendaselbst vorhanden sein — und das ist alles! Wie verhält sich hierzu die G e s ch i ch t e? Der Polenkönig Stephan Battory war gestorben, wer sollte König sein? Zwei mächtige Parteien leiteten den Wahlkamps, diHSamolskis und Borowskis; diese agitirten mit Oesterreich für den Erzherzog Maximilian, jene mit Schweden für den Prinzen Sigismud. Die Wahl fand am 18. August 1587 in Warschau statt. Bewaffnet erschienen die Wähler, zwei große Lager bildeten sie. Der Tag neigte sich, und die Wahl war noch nicht entschieden. Da soll nach der Sage Radziwill den polnischen Großen zugerufen haben: „Wie wäre es, wenn wir für diese Nacht meinen Faktor Salomo wählten?" und in tausendstimmigem Ruse antworteten die Polenfürsten: „Es lebe der König Salomo Wahl!" Bekanntlich wurde Sigismund zum Herrscher gewählt. Das wichtigste aller Bedenken gegen ein „Wahlkönigthum" ist der Umstand, daß seiner mit keiner Silbe in den geschichtlichen Quellen gedacht wird, und nur ein neuerer polnischer Historiker erwähnt die Sage mit mitleidigem Achselzucken. Um das ihr enthaltene Wahre zu erkennen, eröffnete der Redner eine recht spannende Gerichtsverhandlung mit Wahl als Angeklagten, der Geschichte als Staatsanwalt und der Sage als Bertheidiger. Der erste Zeuge, Nikolaus Radziwill, gen. der „schwarze Radziwill" stellt den Zusammenhang mit der Ansbacher Familientradition her. In seine „Reise nach Jerusalem" (1582) erzählt der vielgereiste Fürst, wie er mittellos nach Ancona gekommen und dort von einem jüdischen Faktor 200 Kronen erhalten habe. Der zweite Zeuge ist A. Pinchas, dessen Bericht 120 Jahre nach dem Tode Saul Wahls niedergeschrieben worden, und der es doch schon von seinem Großvater gehört habe. Der letzte und gewichtige Zeuge ist der Historiker Berschatzki, der in litthauischen Quellen Näheres über Wahl gefunden und die Resultate eines demnächst erscheinenden Aufsatzes Herrn Dr. Karpeles schon vorher gütigst mitgetheilt hat. Diese Resultate erwecken unfern Helden zu neuem Leben. Nach dem litthauischen Äktenstücke wäre der Jude Saul Juditsch, schon unter Stephan Battory, Pächter des Salzmonopols gewesen und habe später den Grenzzoll um 84000 Rubel auf 3 Jahre gepachtet, was ein verfügbares Vermögen von 200,000 Rubel voraussetzt. Er wird unter den Aeltesten genannt und siegt vor dem König in einer Streitsache gegen seine mächtigen christlichen Gegner. Auch unter Sigismund leistet er dem Lande große Dienste, er pachtet um hohe Summe den Brückenzoll, sowie die Mehl- und Branntweinsteuer. 1589 wird er durch ein königliches Dekret zum „Kammerdiener" ernannt, eiue hohe Stellung, die ihn jeder bürgerlichen Gerichtsbarkeit entzieht. 1593 erhält er die Regalie des Wachshandels, er erwirkt vom Könige ein Dekret, daß sich die christlichen Be-

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