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Der Israelit · 1889-02-21 · Heft 15 (21.2.1889) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 15 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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268 am Sabbat und den Festtagen auch in den Hospitälern die Kranken zu besuchen, und wie erhebend und tröstend wirkt es auf diese „Dulder der Menschheit" wenn sie sehen, daß sie nicht verlassen daliegen auf ihrem Schmerzenslager und hoffen können, daß dieselben Brüder, die sich nach ihnen umsehen, auch ihrer jetzt doppelt hilfsbedürftigen Familie nicht vergessen werden. Wo fällt es in anderen Kreisen den Reichen ein, die „armen Teufel" in den Hospitälern zu besuchen! Der Armenpfleger weist sie ein, und damit hat die Gesammtheit ihre Schuldigkeit gethan. Aber dem armen Kranken nun auch Trost und Theilnahme zu bringen, auch wenn er ganz fremd und verlassen daliegt und nicht Weib und Kind, noch Eltern und Verwandte hat, die sich nach ihm umsehen könnten, wem fällt das in anderen Kreisen auch nur im Traume ein? Und wenn nun gar der Tod sich naht dem armen Reichen, der keine Angehörigen hat denen sein letzter Liebesblick gilt hier auf Erden, und den in andern Kreisen nur bezahlte Diener umstehen, kann er da mit seinem Gelde sich erkaufen das tröstende Bewußtsein, das das Vorhandensein der Genossen an sein Sterbebett ihm entgegenbringt, daß auch ihn, den Einsamen, die Gesammtheit umfängt, und sein Andenken nicht spurlos verlöscht im Universum? Und wenn an das Schmerzenslager des Armen hintritt der Erlöser, des Armen, dem Kummer und Sorge für die Seinen den Abschied so unendlich erschweren und dessen umflortes Auge keinen Lichtschimmer entdecken kann am Zukunftshorizonte seiner Familie: liegt da nicht denn doch ein nur in jüdischen Kreisen gespendeter Trost für den Armen, wenn er sieht, daß sein Sterbelager die angesehensten Männer seines Kreises umstehen, denen er sein Theuerstes anvertrauen muß, und mit einiger Beruhigung auch darf? Daß in Anschluß an diese Brüderschaften, namentlich auch auf dem Lande, ein vollständiger Krankenwartedienst mit abwechselnden Nachtwachen schon seit Jahrhunderten organisirt ist, soll hier nur kurz erwähnt werden. Und ist es nicht ein herrlicher nur im Judenthum geübter Gebrauch, daß die Sorge für den Todten nicht bezahlten Miethlingen anheimfüllt, sondern daß es als hohe Ehre gilt, jenen Brüdern zuzuzählen, die alle Beschäftigung mit dem Todten, Waschen, Ankleiden, Hinaustragen, Begraben selbst besorgen, daß das Begleiten der Todten zu einer von Jedermann zu übenden Liebespflicht gestempelt, und der „bezahlte Eonduct" nur als eine negative Errungenschaft der sog. „Aufklärung" zu betrachten ist? Und wenn dann beim Nachhausekommen die verödeten entkronten Räume uns die ganze Schwere des erlittenen Verlustes entgegenstarren, da führt die trfciw oim mao sieben Tage lang alle Glieder des Kreises iu das Haus der Trauer, und bringt Reich und Arm den lindernden Trost der Theilnahme der Gesammtheit an dem Schmerz des Einzelnen. So überragt schon nach dieser flüchtigen Skizze jüdisches Zedokoh und G'millutz - Chassodim Alles was in andern Kreisen zur Linderung der Nachtseiten des Daseins, Armuth, Krankheit und Tod geschieht. Der Semitismus birgt eben noch ungeahnte Schätze. Der europäische Kulturmensch kann noch unendlich viel Humanität und Idealismus lernen von dem „hosenverkaufenden" Semiten. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 15. Februar. Den letzten der vom „Verein zur Pflege jüdischen Wissens bei der reiferen Jugend" veranstalteten Vorträge hielt am Donnerstag Abend vor eiuer überaus zahlreichen Zuhörerschaft Herr Dr. G u st a v K a rp e l e s. Der Redner sprach über „einen jüdischen König in Polen." Die Vortragsweise des Redners ist trotz aller anscheinenden Trockenheit ungemein anziehend und gemüthvoll. Nicht minder anregend und fesselnd war allerdings auch der Gegenstand, welchen der Redner für den Abend sich gewählt hatte; es war die Geschichte jenes jüdischen Eintagskönigs, um dessen Haupt die Sage einen so reichen Kranz gewoben hat. „Wir sennen von königlichem Geblüth" — so ruft stolzerfüllt die alte Malke in Bernsteins „Mendel Gibbor" aus; „das wlrö grad so lang dauern, wie Schlaume*) Wahls Malchuß" — so meint in der Krakauer Juden gaffe auf ein voraussichtlich kurzlebiges Ding eine Jakobstochter zu ihrer Nachbarin: der Redner wollte das blaue Blut jener Alten und die kurze Regentschaft Wahls prüfen, er wollte nach dem Muster der modernen Sagenforschung der poesieumflossenen Gestalt des polnischen Judenkönigs näher treten, den geschichtlichen Kern aus der sagenhaften Schale lösen und in einem kritischen Schlußworte die sinnige Legende deuten. Die Quellen zur Geschichte Wahls fließen leider sehr spärlich. Das *) Unser Herr Mitarbeiter nennt den Helden dieses Vortrags bald Salomo, bald Saul; unsres Wissens ist der letztere Name der richtige. — Red.

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