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Der Israelit · 1889-02-21 · Heft 15 (21.2.1889) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 15 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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266 scher des Organismus, der Mensch ist ein Zerrbild seiner selbst geworden und auch die umgebende Welt reflectirt nur noch Zerrbilder seinem gestörten Geiste. So kann der Mensch, auch der reichste, gestern noch in der Vollkraft körperlicher und geistiger Gesundheit angestaunte — heute schwach und hilflos sein wie ein neugebornes Kind, und auf die Hilfe und Pflege seiner Mitmenschen hingewiesen, auf welche er noch gestern stolz herabgeblickt! Oder es tritt gar der T o d, scheinbar allmächtig ein und allgewaltig in Palast und Hütte, schont nicht Reich nicht Arm, nicht Jung nicht Alt, oft plötzlich unerwartet wie der Blitzstrahl aus sonnigem Himmel, oft sendet er seine Boten voraus, seine schrecklichen, und Schmerz und Krankheit und Leid und Siechthum sind die Mahnrufe, die der allbarmherzige Vater im unerforschlichen, gewiß nur das Beste seiner Kinder bezweckenden Rathschlage ihnen sendet, und die zuletzt seinen ernstesten Boten — oft noch als Erlöser erscheinen lassen. Und er scheidet Eltern von Kindern, Kinder von Eltern, Bruder von Schwester und Schwester von Bruder. Und nicht schauen mehr die Kinder das gottbegnadete Haupt ihrer Eltern, nicht leuchtet ihnen mehr der sanfte, liebdurchglühte Strahl ihrer Augen, nicht erquickt, ermahnt, erhebt sie mehr das liebende ernste Wort der Weisheit das ihren Lippen entströmte, den Lebenspfad ihnen erhellte, die Wirrnisse des Lebens ihnen glättete, das sie hob, das sie hinaustrug auf Adlerschwingen über die Fahrnisse des Daseins, das sie im Glück nicht übermüthig, im Leid nicht verzagt sein ließ; — und nicht hebt und stärkt sie mehr das Bewußtsein, daß neben dem Auge des Vaters im Himmel auch das liebende, fürsorgende Auge der Eltern wacht über sie und ihre Kinder; daß ihre Gedanken, ihr ganzes Sinnen und Trachten dem Wohl ihrer Kinder und Kindeskinder geweiht, daß ihr Gebet täglich und stündlich aufgestiegen zum Throne des Allmächtigen, hoffend, bittend, flehend für ihr Wohl; — und es fehlt ihnen der Mittelpunkt, es fehlt ihnen der lebendige roto, der lebendige Altar, zu dessen Höhenwinkeln die Kinder hinaufzuftreben und sich emporzuschwingen hatten, sie sehen die Cherubimfittige nicht mehr, die sie und ihr geistiges Heil behütet:-und die Kinder wären nicht hilfs- und trostbedürstig, auch wenn nicht leibliche Roth anpocht an ihre Pforten, und wären nicht hingewiesen auf die Gnade und Barmherzigkeit ihres Vaters im Himmel und ans den Trost und die Theilnahme ihrer Mitmenschen!? Und er scheidet Kinder von Eltern. Sei es, daß sie als zarte Knospen dahinwelken und die Hoffnung der Tage und den Blüthentraum der Zukunft ihrer Eltern mitnehmen in's frühe Grab; — sei es, daß die Eltern schon verwirklichte Hoffnung, schon verwirklichte Zukunft, vielleicht gar die einzige Hoffnung und Stütze des Alters hinabsenken müssen in die Erde:-gleichgiltig ob jung oder alt, wehklagend streckt der entblätterte, entzweigte Stamm seine kahlen Wipfel zum Himmel, und sollte sich nicht sehnsüchtig um Hilfe und Trost nach oben, und seine Wurzeln nicht bettelnd um frische Kraft, unk frischen Saft hinstreckeu nach seinen Nachbarn!? Und Brüder und Schwestern und Schwestern und Brüder sollten sie nicht, wenn der Stamm durch des Allmächtigen Hand gefällt der ihres Daseins Quelle und Hort gewesen, und sie nun um so fester und inniger aneknandergeschlossen in der Vereinigung Stärke und Muth, Hoffnung und Trost gefunden für die ferneren, sonneberaubten Tage des Daseins: wenn nun auch aus ihrem stammlosen Bunde der Tod ein Glied herausgreift, das mittragen half die Bürde des Daseins, das mitstützen half die auf sich selbst angewiesenen Zweige, — — sollten sie da nicht klagend und bittend sich wenden nach oben, und des Trostes und der Hilfe entrathen können der mitfühlenden und helfenden Genossen!? So, sehen wir, kann nur der Anschluß an die Mitmenschen, kann nächst Gott nur deren Liebe und Freundschaft, Trost und Hilfe bringen, wenn Armuth, Krankheit oder Tod einzieht in den Kreis der Menschen. Aber ist es nicht leider eine Wahrheit, daß selbst der Freund sich nicht bewährt in der Noth, daß Hilfe und Beistand, auf welche wir sicher gehofft, ja auf welche wir durch früher erwiesene Wohlthaten den gegründetsten Anspruch hatten, versagt und ausbleibt, grade wenn wir ihrer am dringendsten bedürfen? Sagt nicht wahr das alte Sprüchwort: donec eris felix multos numerabis amicos daß mir so lange du im Glücke bist, auch groß ist die Zahl deiner Freunde? Und noch mehr als der Reiche bedarf ja der Arme des Trostes und werkthätiger Hilfe, und der Freund des Armen ist ja meist selbst arm und nur selten, auch beim besten Willen nicht, im Stande, die so nöthige Hilfe ausreichend zu gewähren. Da muß nun die Gesammtheit eintreten. Aber auch bei bester Organisation wird die Hilfe der Gesammtheit nur mehr schablonenhaft eingreifen können, und nichts bedarf wohl mehr der Jndividualisirung als Noth und Krankheit; — dann dauert es oft zu lange ehe der ja nicht zu

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