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Der Israelit · 1889-02-21 · Heft 15 (21.2.1889) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 15 (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXX. Hahrgang. M iS. Ismelitd Ztschlllmi. Zettslhrkst m Förderung jSd. (Stiftes und D. Kedeus in Uns. Gemeinde und Schule. Emirat-Hrgan für das orthodoxe Judentum. Herausgegeben von Dr. Lehman» in Mainz. Donnerstag, den LA. Februar 5649 (1889). Leitende Artikel. Kin^Worl über die Nachtseiten des Daseins und ihre Linderung im Judenthume. Von Dr. med. Markus Hirsch. Frankfurt a. M. Wiewohl nach großartiger Auffassung*) die mLAna ebarta. des jüdischen Volkes den Aufbau der Gesellschaft durch den Anschluß des Reichen an den Armen sich vollziehen läßt, indem mehr noch als der Arme des Reichen, der Reiche des Armen bedarf, um seinen Ueberfluß mit ihm zu theilen: so kann man im Allgemeinen hoch sagen, daß im gewöhnlichen Leben mehr die Roth es ist, die die Menschen zusammenführt und ihnen die Nothwendigkeit des Aneinanderschlusses ins Bewußtsein ruft. Es ist eben der durch die Noth noch mehr als sonst hervorgestachelte Egoismus, der diesen Anschluß befördert. Jeder lehnt sich an den Andern und sucht Stütze und Hilfe beim Nächsten. Aber auch der Reichste, Stolzeste, am Unabhängigsten, über den Wechsel von Zeit und Umständen erhaben, in seinem Reichthume und seinem Glücke im Besitz der Panacee gegen jedwedes Leid und Gebreste sich Dünkende, empfindet sofort die Vereinsamung und das Bedürfniß des Anschlusses, sowie die Sonne des Glückes den Zenith überschritten, und sowie nur irgendwoher drohendes Unglück seine Schatten vorausgesendet. Wohlfahrt und Reichthum genügen eben nur für die Tage des Glückes, und auch da nur nothdürftig. Der reiche, glückliche, wahre Mensch empfindet echtes Glück auch nur im Anschluß an den Nächsten, und getheiltes Glück ist ihm in Wahrheit erst rechtes Glück, und für ihn brauchen nicht erst trübe Tage zu kommen, um ihn seine Zuhürigkeit zur Gesammtmenschheit zu lehren. Drei Schicksalsfügungen gibt es aber, von welchen kein Sterblicher gänzlich verschont bleibt, und die die Unvollkommenheit jeder irdischen Glückslage und die Zuhörigkeit und den Anschluß an die Gesammtheit mit eherner Zunge predigen: Armuth, Krankheit und Tod. Auch die besten scheinbar gesichertsten Verhältnisse dauern selten gleichmäßig fort; sie brauchen sich nur zu verschlechtern, die „Renten" sich nur zu verringern, und der unabhängige Reiche wird sich seiner Abhängigkeit von der Mitwelt bewußt, er wird belehrt, daß Gewinn, Verdienst eigentlich nur das Product s elbstthätiger Arbeit sein soll, daß auch im Paradiese der Mensch zur Arbeit bestimmt war — und zur Verwerthung seiner Arbeit ist er ja auf seine Mitmenschen angewiesen. Und noch viel mehr, wenn auch die Arbeit nicht mehr hinreicht für sein und der Seinen Lebensunterhalt, und die Noth, die unerbittliche, anpocht an seine Thür! Oder es tritt Krankheit ein in seinen Kreis. Ein Bruch im Canalsystem des Blutes, eine Störung im Centralsystem der Nerven, ja schon eine Schwellung an der Durchtrittsstelle eines Nervenstranges genügt — und die in emsiger Thätigkeit für Weib und Kind schaffende Hand hängt kraftlos und schlaff herab, gelähmt ist der Fuß der rüstig ausschritt im Kampfe des Daseins 'byrb din dvr T)V np irrayt»!; die Organe der Sprache gehorchen nicht mehr dem Appell des Geistes; oder gar die Intelligenz thront nicht mehr als machtvoller Herr- 1) Hirsch: Exodus p. 113 ff.

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