Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1889)
- Date
- 1889-02-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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254 den Armen, den Wittwen und Waisen zu überlassen. Kürzlich haben sich die Beduinen wieder ein neues Oberhaupt gegeben, das nun auch sogleich dem Propheten Musa ein Opfer darbrachte, wobei es, wie arabische Blätter erzählen, folgendermaßen herging. Der neugewählte Scheikh, der mehrere Schafheerden besitzt, wählte aus einer jeden derselben ein Lamm aus und bestimmte es zum Opfer. Die Lämmer wurden gebadet und gewaschen und nachher mit bunten Bändern geschmückt. Hierauf trugen sie die ältesten Männer dieser Stämme auf ihren Rücken den Berg hinauf. Vor dem Eingänge zur bezeichneten Höhle stand der Scheikh, zu dessen Füßen die Lämmer niedergelegt wurden, während die Beduinen als Zuschauer umherstanden. Der Scheikh ergriff ein Lamm nach dem andern, legte es mit dem Kopfe gegen die Kiblah, d. h. gegen die heilige Kaaba in Mekka, also gegen Sonnenaufgang, und sprach die Gebetformel: „BismiEllahi Errachmani Errachimi! Ja, Sidna Musa, ja Nebbi Allahi asmaina! (Im Namen Gottes des Allbarmherzigen und Allgütigen! O, unser Herr Moses, o Du Prophet Gottes, erhöre uns!)" und schnitt dem Thiere den Hals durch, worauf sogleich ein Beduine das hervorquillende Blut in einem Napfe auffing. Als nun alle zur Opferung bestimmten Thiere geschlachtet waren, trug der Scheikh den Napf mit dem Blute in die Höhle und goß es in das Feuer, das man schon vorher auf dem Altarsteine angezündet hatte. Der Scheikh und alle Beduinen fielen dann auf ihre Knie nieder, erhoben ihre Hände gen Himmel, riefen Gott, den Engel Gabriel und die Propheten Moses und Mohamed an. Hierauf wurden draußen vor der Höhle so viele Feuer angemacht als Lämmer geschlachtet wurden, und nun steckte man diese an hölzerne Spieße und briet sie über den Flammen. Die Beduinen thaten sich gütlich an dem gebratenen Fleische, während sie die Beine davon auf einen Haufen zusammenlegten, die sie nachher vergruben. Die Felle der geschlachteten Lämmer wurden zu einem Sitze zurecht gelegt, auf dem der neue Scheikh Platz nahm und sogleich damit begann , Recht unter seinen Untergebenen zu sprechen und alle vorhandenen Streitigkeiten zu schlichten. Dies dauerte so bis Sonnenuntergang, worauf die Mündung der Höhle mit einem dazu schon bereit gehaltenen Steine geschlossen wurde, um erst bei oer nächsten Opferung wieder geöffnet zu werden. Oft wird aber die Höhle schon früher geöffnet, um irgend einen Schwerkranken auf denAltarstein niederlegen zu können, für den man dann vom „Nebbi Mussa" eine baldige Wiedergenesung erfleht. Die den Berg Sinai umkränzenden Felsen und zum Theil auch die aus diesem Berge selbst hervorspringenden Felsenriffe sind bekanntlich mit Inschriften bedeckt, die bisher noch Niemand zu entziffern vermochte. Schon der deutsche Forschungsreisende Niebuhr, der im vorigen Jahrhunderte mit Unterstützung des Königs von Dänemark Arabien und die Sinai-Halbinsel besuchte, hat uns auf diese merkwürdigen und räthselhaften Inschriften aufmerksam gemacht und uns auch von einem Theile derselben einen Abklatsch geliefert. Selbstverständlich würde ein solcher Abklatsch heute, wo wir die Photographie und noch viele andere technische Hilfsmittel zur Verfügung haben, besser hergestellt werden können. Vor einigen Jahren haben auch die Mönche im griechischen Katharinenkloster auf dem Berge Sinai —, dieses Kloster wurde vom Kaiser Justinian gegründet — versucht, die erwähnten Inschriften zu copiren, um sie dann lithographiren lassen zu können. Sie standen jedoch von diesem Versuche bald wieder ab, da derselbe mit großen Beschwerden und Plackereien und zum Theile auch mit Lebensgefahr verbunden war, da man den fanatischen und raubsüchtigen Beduinen dort nicht trauen darf. Etliche dieser von den Mönchen copirten Inschriften lagen auch dem Schreiber Dieses zur Benützung vor, der nach emsiger Prüfung derselben herausfand, daß dieselben weder einem Volke, noch einer Zeit, noch einer Sprache alleinangehören. Hauptsächlich lassen dieselben vier verschiedene Schriftgattungen erkennen, die der Hittiter (Philister) oder Phönicier, die der Egypter, die der Amalekiter und dann die einer nicht mehr bekannten Nation. Aber alle diese vier Schriftgattungen wurden nicht in der kalligraphischen und klaren Schrift der Priester und Gelehrten, sondern immer nur in der einfachen Cursivschrift des Volkes, wie dies bei den egyptischen und hittitisch-phönicischen Worten noch deutlich zu erkennen ist, angefertigt. Unter den letzteren Charakteren sind die Buchstaben: j, y, n noch heute deutlich zu erkennen und zwar wird das y durch ein wirkliches Auge ff')/) oder ein kreisrundes Ringelchen o vorgestellt. Bei dem Auszuge der Kinder Israels aus Egypten hat es unter ihnen gewiß viele gegeben, die nebst den phönicischen Schriftzeichen, auch die egyptischen wohl kannten und sich fleißig derselben bedienten. Daher kommt es in diesen Inschriften oft vor, daß nach einigen phönicischen sogleich einige egyprische Worte oder umgekehrt folgen, so wie wir uns heute in unserer Schrift nebst den allgemeinen