Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1889)
- Date
- 1889-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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25l durch Kabel gemeldet wurde. Einige Ausdrücke, die beim Interview gebraucht wurden, waren geeignet, eine gezwungene Auslegung zu erhalten, die mit den wahren Absichten des Barons nicht übere instim mt. In Folge dessen besuchte ich den Baron von Neuem diesen Morgen und bat ihn mir einige Punkte zu erklären, über welche die öffentliche Meinung nicht ganz klar ist. Herr Baron Hirsch sagte: „Ich möchte nicht gern gegen dieselbe Sache der Feindseligkeit verdächtig werden, welche ich immer vertheidigte und fortfahren werde zu vertheidigen. Ties bekümmert dadurch, daß ich so vielen Juden durch Religions¬ und Rassenhaß in's äußerste Elend gebracht sehe, wünsche ich einfach und voll auszusprechen, daß die Antisemiten, indem sie die Juden verfolgen, direkt gegen das Ziel losgehen, welches sie suchen, nämlich eine mehr oder weniger vollständige Assimilation. Nicht durch heftiges Vorgehen können sie das Ziel erreichen, sondern im Gegentheil, die Verfolgung stimulirt die religiösen Empfindungen. Entfernet jede Schranke, lasset eure jüdischen Landsleute zu jedem Recht und Vortheil des sozialen Lebens zu, und ihr werdet mehr Chancen haben die gewünschte Verschmelzung (fiision) zu ermöglichen. Das ist es, was in Frankreich und England der Fall und that sächlich, wo immer Juden derselben Rechte wie ihre Mitbürger sich erfreuen. Ihre nahen Beziehungen sind im Zunehmen begriffen, sogar Mischehen sind nicht selten in jeder Klasse der Gesellschaft, und die Assimilation wird durch die natürliche Ordnung der Dinge allmählich herbeigeführt werden. Freilich fühle ich, daß die Antisemiten, statt meinen rein pH il ant rop ischeu Plänen entgegenzutreten, sie lieber unterstützen und ermuthigen sollen." Unser Mitarbeiter fügt dieser Erklärung folgende Bemerkungen hinzu: „Sachlich scheint es mir, daß die Aeußerung des Herrn Baron Hirsch (die verschiedenen Stellen sind von mir unterstrichen) sich dem ganzen In» halte nach nur gegen den Antisemitismus im Allgemeinen richtet. In dem Glauben, daß die Antisemiten als solche die „Assimilation" der Semiten anstreben, ist er freilich im Jrrthum. Die Antisemiten wollen zunächst Hetzen, und dann für sich im Trüben fischen und zuletzt — es gibt auch solche unter ihnen — die soziale Revolution in materieller sowie pekuniärer Hinsicht, versteht sich zu ihrem Vortheil, herbeiführen. Was den sonstigen Inhalt der Berichtigung anbetrifft, so glaube ich, daß die „Assimilation", die Herr von Hirsch meint, sich nur auf moderne Bildung und Erziehung, auf patriotisches und nationales Fühlen und Denken beziehen kann, ohne aber nur im Geringsten auf die Religion zu attentiren; demnach kann er um so weniger ein völliges Aufgehen des Judenthums im Christenthum durch den Uebertritt zu, bezw. durch Blutsvermischung mit demselben bezwecken. In den Worten . .. „sogar" Mischehen sind nicht selten. ist nach meiner privaten Ansicht weder ein diesbezüglicher Wunsch des Barons, noch eine Billigung enthalten; es ist blos die Erwähnung einer Thatsache, deren Existenz nun einmal nicht geleugnet werden kann, so unliebsam sie — event. auch ihm ist. Denn in dem Worte „sogar" ist nur der Maßstab enthalten für die „nahen Beziehungen", die „im Zunehmen begriffen" sind, wie er vorher sagt, und die sicher blos ein freundliches Verkehren und Nebeneinanderleben ausdrücken sollen. Der letzte Satz aber: „Folglich fühle ich, daß die Antisemiten, statt meinen rein philantrop ischen Plänen entgegenzutreten, sie lieber unterstützen und ermuthigen sollen", scheint mir direkt an die Adresse Rußlands gerichtet zu sein, welches in seiner Ganzheit als antisemitisch bezeichnet wird, was es ja auch ist. Man wird sich erinnern, daß der Baron im ersten Interview davon sprach, daß man in Rußland seine Schenkung nicht annehmen wolle, bezw. mißtrauisch betrachte, weil man derselben einen politischen Hintergrund beimesse. Der Baron sagt daher im letzten Satz Rußland solle, wenn es seine Israeliten nicht assimilirt, d. h. mit den Russen als nicht gleich vaterländisch fühlend hält, seine Schenkung annehmen, um mittels derselben Schulen zu gründen und die Assimilation herbeizuführen, die es ihnen jetzt streitig macht. In dieser Weise glaube ich die Worte des Herrn Barons auffassen zu sollen, die übrigens schon darum nicht auf die Goldwage gelegt werden dürfen, weil er keine politische Persönlichkeit, also auf „Interviews" nicht eingerichtet ist, um jedes Wort mit dem Quentchen abzuwägen. Dazu kommt, daß die Pläne, die er hat, doch nur israelitische Schulen mit israelitischen Lehrkräften und- Gegenständen betreffen, die die zu beschenkenden Israeliten pekuniär nicht im Stande sind sich selbst einzurichten. Dazu allein will der Baron die Geldmittel hergeben, ohne Vorschriften über Erziehung im jüdischen oder nichtjüdischen Sinne zu machen. Bei der Oeffentlichkeit der projektirten Institutionen kann ich nicht erkennen, worin die Gefahr für den Bestand des Judenthums liegt, da doch die Schulen von der öffentlichen Meinung kontrollirt und einer event. verderblichen Richtung derselben entgegengetreten werden kann. Dr. Corman.