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Der Israelit · 1889-02-14 · Heft 13 (14.2.1889) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 13 (14.2.1889)
Date
1889-02-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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230 20. Juni 1858, um 8 Uhr Abends war das Judenkind Mortara von 5 päpstlichen Gensdarmen schmählich geraubt worden, weil 2 Jahre vorher die katholische Magd den fieberkranken Knaben heimlich getauft hatte. Die Mutter sank in Wahnsinn, der Vater in die Gruft. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die civilisirte Welt, Gemeinde, Vereine, Alliancen, die Presse, Minister und Fürsten protestiren — vergebens! Unter dem Eindruck dieser tiefgehenden Bewegung traten am 3. Januar die Vertreter der römischen Gemeinde, geführt von ihrem Sekretär Salvatore Tagliacozzo vor den Papst, um ihn, wie immer zur Jahreswende, unterthänigst zu begrüßen. Der Verlauf der 25 Minuten langen Audienz, von der nach ihrer Beendigung sofort ein Protokoll entworfen wurde und das der Redner vorführte, muß tiefergreifend gewesen sein; er erschüttert noch heute. Wie Tagliacozzo, „hingeworfen vor den Stufen des erlauchten Thrones Sr. Heiligkeit" demüthig um Schutz bittet, wie der Papst ihn zornig unterbricht und ihn für den Mortaraskandal verantwortlich macht, wie er ihn „Tölpel, Tölpel und Schelm" nennt, wie der Sprecher sich weinend vertheidigt, der Papst den erregt Redenden anfährt: „Sprechet leiser! Wißt Ihr nicht, vor wem Ihr steht?" und die ganze Deputation Gefahr läuft, in das Gefängniß abgeführt zu werden — es war eine der letzten Scenen in der Ghettotragödie Roms! Man glaubt, verklungenen Märchen zu lauschen, wenn man von diesem ergreifenden Schmerze der Unglücklichen vernimmt, und doch sind kaum drei Jahrzehnte seitdem dahin. Das traurige Räthsel schien keine Lösung finden zu sollen, da hat der Gott der Geschichte es gelöst, die Glocken der Freiheit tönten, gepriesen sei der Lenker der Zeiten! Lebhafter Beifall begleitete die ebenso lehrreichen, wie spannenden Ausführungen des Redners. Bl. Frankreich. Paris. Am 37. Januar hielt Herr Rabbiner M. Weiß köpf im Beth Hamidrasch dahier für den unvergeßlichen Rabbiner Samson Raphael Hirsch Vst einen hedh, worin er dessen großen Verdienste für das orthodoxe Judenthum hervorhob und seine vor 37 Jahren begründete jüd. Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. als Mustergemeinde schilderte. Die Rede machte einen tiefen Eindruck auf die zahlreich erschienenen Zuhörer. In dem Saale eines hiesigen kleinen Theaters in der Rue Rochechonart (Quartier Montmatre) gastirt seit einiger Zeit eine polnisch-jüdische Theatergruppe. Die Theaterzettel sind in hebräischer Schrift, das Stück wird als Operette in 5 Akten und 7 Bildern bekannt gemacht und hat als Sujet und Titel „Rasch i". Ein trauriges Zeichen der Zeit ist es, daß einer unserer berühmtesten, gefeiertsten und anerkanntesten Lehrer und Meister in solcher Weise, wie es hier geschieht, entwürdigt wird. Die verschiedenen Scenen, welches dieses zu verabscheuende Theaterstück enthält, zu schildern, spotten jeder Beschreibung und ist es unglaublich, daß von Seiten der OoumstoirL israelita gegen die Aufführung des Stückes beim Polizei- Präfect nicht Einsprache erhoben worden ist. Ueberdies trägt dieses jeden fühlenden Menschen tief verletzende Theaterstück wahrlich nicht zur Bildung der Zuhörer bei. Japan. Tokio, 11. Februar. Der Mikado verkündete heute vom Throne herab die neue japanische Verfassung. Dieselbe ist nach deutschem Muster entworfen und bestimmt die Bildung eines theilweise erblichen, theilweise wählbaren, Herrenhauses, von dessen Mitgliedern der Mikado eine gewisse Anzahl ernennt, sowie eines Unterhauses, bestehend aus dreihundert Mitgliedern. Das Stimmrecht für das letztere genießt jeder Bürger, der das fünfundzwanzigste Lebensjahr erreicht hat und jährlich fünfundzwanzig Dollar Steuern zahlt. Es werden die Religionsfreiheit, die Redefreiheit und das Versammlungtzrecht eingeräumt. Das Parlament übt die Legislative und die Koutrole über die Finanzangele^enheiten innerhalb gewisser Grenzen aus. Die Richter werden außer auf dem Wege des Gesetzes für unabsetzbar erklärt. — Der Verkündigung der Verfassung folgten große Volksfestlichkeiten. Aus edlem Beweggrund. Eine Erzählung. Von Karl W i e s e n t h a l. (Fortsetzung.) Es gingen Jahre hin; Nordheim war längst im Amte befördert worden, er hatte es gleichgiltig hingenommen, — wußte er doch, weßhalb man ihn

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