Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1889)
- Date
- 1889-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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231 heraufzog: es sollte seinem glänzenden Hause auch der Titel nicht fehlen. Das Unbehagen in seinem häuslichen Kreise, welches nur auf kurze Zeit durch formelle Festlichkeiten unterbrochen wurde, der tiefe Gram, der in Folge des vergeblichen Forschens nach Helene an seinem Herzen zehrte, machte ihm Zerstreuung zum unabweislichen Bedürfniß. Aber er war nicht der Mann, welcher diese in den prächtigen Festen, welche seine Frau veranstaltete, finden konnte, auch dort, wo Andere in ungezwungener Fröhlichkeit des Lebens mannigfache Widerwärtigkeiten zu vergessen suchen, fand er Zerstreuung nicht; — er begrub sich in den Arbeiten, strengte sich über menschliche Kraft hinaus an, damit er seinen Kopf betäube und in dieser Betäubung des Herzens tiefes, tiefes Weh weniger empfinde. Leib und Seele vermochten auf die Länge nicht, dieses Leben zu ertragen, ohne den zerstörenden Einfluß desselben zu empfinden. Nordheim's Geist wurde gedrückt, sein Gemüth verfinstert, der Körper dorrte aus und der einst blühende Mann erhielt ein greisenartiges Ansehen. Endlich zeigten sich die Vorboten jenes marternden Krankheitszustandes, bei dem das Leben zur unerträglichsten Last wird, und der doch nur mit einer entsetzlichen Langsamkeit dem Tode zuführt: der Hypochondrie. Nordheim's Arzt drang darauf, daß dieser sich erhole von den ungeheuren Anstrengungen, durch welche er sich in jenen Zustand versetzt; er sollte reisen, auf den Bergen umhersteigen, in der frischen Luft den Actenstaub abschütteln, in welchen er sich über Gebühr begraben, und neue Lebenskraft sich holen. Nach längerem Widerstreben willigte Nordheim ein, er nahm einen kurzen Urlaub und ging fort. — Er reifte allein; denn er fühlte, solle der Ausflug ihm wirklich wohlthun, so müsse er für einige Zeit von Allem losgerissen sein, was daheim in seinem Hause ihn drückte und quälte. In der That fühlte er sich etwas erleichtert, als er die Stadt und die Seinigen hinter sich hatte; es war ihm einige Augenblicke wie dem nach langer Gefangenschaft Befreiten, er athmete frischer und kräftiger. Bald aber verdüsterte der Gedanke ihn wieder, daß er doch zurückkehren müsse, daß der kurzen Zeit seines Aufathmens wieder eine lange der glänzenden^Sclaverci folgen werde. Planlos, nur der Eingebung einer augenblicklichen Laune folgend, war Nordheim hin und hergezogen; so hatte er sich weiter vom Hause entfernt, als es zuerst wohl sein Wille gewesen, und er mußte an die Heimkehr denken. Auf dieser begriffen, war er eines Freitag Abends in ein Gasthaus eingekehrt, wo er die Nacht zubringen wollte. Es war zu Sabbatanfang. Nordheim war in ein jüdisches Hans gerathen, er bemerkte es bald — und ein wehmüthiger Gedankengang bemächtigte sich seiner. Er hatte, nachdem er ein Zimmer genommen, irgend Etwas verlangt, man brachte ihm dasselbe jedoch nicht, er mußte vielmehr nach langem Warten noch einmal daran erinnern. Wie er gleich darauf aus einem heftigen Zanke schließen konnte, hatte ein Mädchen des Hauses, welches den Auftrag erhalten, denselben vergessen, und mußte diese Unachtsamkeit jetzt durch eine Zurechtweisung in den härtesten Ausdrücken büßen. Während draußen der Sturm, von einer keifenden Weibesstimme unterhalten, noch sorttobte, trat das gescholtene Mädchen schüchtern zu Nordheim ein, ihm das Verlangte zu bringen. „Seien Sie nicht böse, lieber Herr", sprach sie leise mit einer Stimme, der man das unterdrückte Weinen anhörte, „die Herrschaft trägt keine Schuld daran, daß ich so lange blieb, ich habe eben Vielerlei zu thun und vergaß, was mir befohlen worden." Nordheim fuhr bei dem Klang der Stimme empor, sah in des Mädchen Gesicht und beide Arme ausftreckend, rief er: „Helene! — mein Lenchen!" „Ich heiße Dora", sagte das Mädchen, erschrocken zurückweichend. Nordheim's Herz arbeitete mächtig in der Brust. „Dora?" sagteer, „Dora heißest Du, Kind?" Dann trat er dicht vor das Mädchen, faßte es bei der Hand und fuhr fort: „So sah sie aus, das ist ihr Auge, das ist die hohe, muthige Stirn! — Und auch mit ihrer Stimme sprichst Du, — und Dora hieß meine Mutter, — o, rede, rede noch ein Mal, daß ich den Ton noch ein Mal höre!" Dem armen Mädchen wurde bange, als es die heftige Bewegung des Fremden gewahrte. „Rede, ich bitte Dich!" sprach Nordheim wieder, „laß' mich Deine Stimme noch ein Mal hören." „Lassen Sie mich! ich sagte Ihnen ja, daß ich nicht Helene heiße." „Du kannst es freilich nicht sein", sagte Nordheim, halb für sich, „Du bist ja noch ein Kind — und sie war älter, als sie von mir schied. — Doch diese Ähnlichkeit! — Fürchte Dich nicht, Kind", fuhr er mit weicher Stimme fort, als er bemerkte, wie das Mädchen bebte, „halte mich nicht für irre; Dein Anblick hat mich ergriffen, er erweckte Erinnerungen, so süß und so schmerzlich, daß ich mächtig von ihnen fortgeriffen wurde."