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Der Israelit · 1889-02-14 · Heft 13 (14.2.1889) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 13 (14.2.1889)
Date
1889-02-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Israels Werirrung. Von I s a a c Hirsch. Wenn es eines Nachweises bedürfte, daß das Judenthum, d. i. das von Gott geoffenbarte und Israels Treue anvertraute Gesetz, in Wahrheit göttlich und darum ewig unabänderlich, für alle Zeiten die einzige Norm ist, nach welcher sich das Leben eines jeden Juden in jeglichem Jahrhunderte, an jeglichem Orte zu regeln habe, so liefert diesen Nachweis in jeden Zweifel vernichtender, überzeugender Kraft das dunkle Blatt der jüdischen Geschichte, welches sich unmittelbar der großen historischen Thatsache der Sinaitischen Offenbarung anreiht. Wenn das Judenthum in der That die Religion der Juden in dem Sinne wäre, wie der Parsismus die Religion der alten Jranier, der Brahmismus und Buddhismus die Religion der Inder, wenn Moses, der Gesetzgeber und Religionsstifter, neben Zoroaster, Sakjamuni und Confucius zu stellen wäre und demgemäß das Judenthum eine Entstehungsgeschichte aufzuweisen hätte, welche der Anthropologie, Ethnologie und Völkerpsychologie angehörte, — dann müßte es als eine Unmöglichkeit bezeichnet werden, daß unmittelbar nach Verkündigung des Judcnthums seine Bekenner einen klaffenden Gegensatz zu dessen Haupgrundwahrheit sich das Idol des goldenen Kalbes gestalten und ihm zujubeln konnten : dies sind deine Götter Israel! Alle Religionen, welche nicht auf dem Grunde der Sinaitischen Offenbarung, auf dem in dem Judenthum proklamirten Gesetze und den von dem Judenthum gepredigten Lehren beruhen, sind nichts Anderes als die Vorstellung, welche sich die Völker, je nach dem Stande ihrer Kultur und ihres Zeitalters verschieden, von dem Verhältnisse des Außerirdischen zum Irdischen, des Ewigen zum Vergänglichen, des Schöpfers zu dem Erschaffenen bildeten, sind nichts Anderes als die tastenden Versuche, die sie gemacht, um die dunkle Ahnung in ihrer Brust nach dem Ewigen zu befriedigen, und das Weltenräthsel zu lösen, sind nichts Anderes als das stümperhafte Unternehmen, sich die Gunst der überirdischen Mächte zu erringen und sie dem menschlichen Willen unterthan oder willfährig zu machen. Als solche gehören diese allerdings dem Gebiete der Völkerkunde und der Psychologie an. Sie legen Zeugniß von dem Geiste ihrer Entstehungszeit ab und spiegeln ihn wieder, sie gestalten sich in unerschöpflicher Mannigfaltigkeit in jeder Kulturepoche und bei jeglichem Volke und erleiden diejenigen Veränderungen, welche sich in der Sitte, Kultur und Geschichte des Volkeskreises vollziehen. Die Völker haben sich ihre Religion erzeugt; diese kann im Augenblicke ihres Entstehens nicht im Gegensatz zu dem Volke sich befinden. Nicht also das Judcnthum. In ihm weht nicht der dem Jrrthum und der Lüge unterworfene Geist der Staubgebornen, nicht die Seele des Volkes Israel ist in ihm lebendig, nicht die menschliche Anschauung über das Göttliche gelangt in ihm zum Ausdruck, — das Wort Gottes ist es, das hier redet, Gottes, der *q tdd, der vom Sinai in Israels Mitte eintrat, um Seinen Willen der Menschheit kundzuthun, um Seine Lehre und Sein Gesetz zu offenbaren. Seine Thora, das rn--iw, das Gesetz, welches Licht und Wärme in Wahrheit ausströmt, welches das Leben gestaltende Element ist, das, von dem Menschen freiwillig in sich ausgenommen, das Heil auf Erden begründet. Es gibt keine gedankenlosere Lüge als die unter dem Deckmantel angeblich gründlicher Gelehrsamkeit 'auftretende, welche auch das Judenthum, das geoffenbarte Wrrt des Allmächtigen, vor deu Richterstuhl des kleinen Menschenverstandes und einer sich überhebenden nach Originalität lüsternen kleinlichen Kritik zu fordern wagt, um auch an ihm seinen Witz zu erproben, die Lüge, welche die Offenbarung in das Gebiet der Mythe und Legende weist und auf einen frommen von Moses geübten Betrug zurückführt, um sich einen Moses zu konstruiren, wie ihn die Phantasie eines erhitzten Professorenhirns erträumt, um die Thora in Stücke zu zerreißen, welche zu verschiedenen Zeiten, unter verschiedenen Stämmen als Sage sich erzeugt hätten — und, von verschiedenen unbekannten Autoren niedergeschriebeu, endlich zu einem bunt durcheinander quirlenden Konglomerat geworden sind. Wann, wie, wo und durch wen diese Zusammenmischung erfolgt sei, darüber hätte die „Wissenschaft" noch nicht ihr abschließendes Urtheil abgeben können, das letzte Fünftheil der Thora sei aber jedenfalls erst unter des Königs Hiskias Regierung, etwa achthundert Jahre nach Moses, entstanden. So und ähnlich faselt nicht nur eine nichtjüdische sogenannte Wissenschaft, sondern auch eine allerneueste jüdische. Wäre an diesem Allem ein Körnlein Wahrheit, so erschiene es als ein nicht zu lösendes Räthsel, daß das Volk, welches soeben die „Zehngebote" aus sich selbst erzeugt haben sollte, das soeben den reinen, wahren Gott-Einheits-Gedanken sich und der Menschheit zum ewigen Ausdruck gebracht haben sollte, sofort in heidnischen Irrwahn hätte verfallen können. Innerhalb eines Zeitraums von wenigen Tagen vollzieht sich nicht ein so gänzlicher Um-

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