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Der Israelit · 1889-02-11 · Heft 12 (11.2.1889) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 12 (11.2.1889)
Date
1889-02-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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216 welche die beiden Gatten wie Fremde einander gegenüberstehen ließ. Nordheim, zu sehr mit sich selbst und seinem stillen Gram beschäftigt, kam nicht dazu, darüber nachzudenkcn, wie wenig Martha's jetziges Verhalten mit der leidenschaftlichen Neigung übereinstimme, von welcher der Landgerichtsdirector ihm gesprochen. Er achtete nicht darauf, ja, er mochte sogar damit zufrieden sein, wurde er doch dadurch von einem unerträglichen Zwange befreit. Aber wehe, bald sollte er aufgerüttelt werden und an die Stelle der Empfindungen, welche ihn bis jetzt beherrscht, sollten Zorn und bittere Scham treten. Ungewöhnlich früh gaben sich bei Martha Anzeichen kund, daß sie Mutter werden solle; nach kurzer Zeit gebar sie ein Kind. Jetzt wurde es Nordheim klar, warum der Landgerichtsdirector ihm seine Tochter aufgedrungen, jetzt verstand er die Eile, mit welcher er zum Altäre geschleppt worden, und mit tiefer Entrüstung und tiefem Schamgefühl sagte er sich selbst: „Weh' mir, meine Ehre! Das war also der Preis der Rettung Deines Vaters, daß Du zum Deckmantel der Schande dienen mußtest!" Es gab einen furchtbaren Austritt zwischen den beiden Gatten. Nordheim, der Ehrenmann, der schwer gekränkte, beleidigte Mann war wie rasend. Schonungslos trat er auf, nannte es Betrug und weinte, weinte wie ein Wahnsinniger. Martha aber, die Tochter des vornehmen, angesehenen Mannes, lachte und lachte und hielt ihm höhnend seine Schuldverschreibung entgegen, sagte, er solle froh sein, daß sich ein angesehener Mann seiner erbarmt hätte, nannte es eine Ehre, die Nordheim erfahren und endlich, stellte sie es ihm frei, zu beginnen, was ihm angemessen scheine, wogegen sie sich vorbehielt, von jenem Dokumente den geeigneten Gebrauch zu machen. Nordheim war zerrüttet — er empfand auch die gerechte Strafe, die ihm geworden; er dachte an seine geliebte, fromme Mutter, die so früh dahingeschieden, und täglich flössen seine heißen Thränen. Ach, er mußte ja schweigen und seinen Grimm hinabwürgen. Die Bemühungen des Landgerichtdirector's führten eine scheinbare Versöhnung herbei, aber der Stachel blieb in Nordheims Herzen, und Glück und Frieden flohen das Haus, welches der Reichthum seiner Gattin mit allem Glanze ausgestattet hatte. Diese entschädigte sich dadurch, daß sie die unbeschränkte Herrschaft sich zueignete; ein an Verschwendung grenzender Aufwand mußte ihr die Freuden häuslichen Glückes ersetzen, und im Kreise einer eben so gefühllosen, flatterhaften und genußsüchtigen Gesellschaft suchte sie sich die Freuden häuslichen Glückes zu ersetzen und mit dem Schimmer äußerer Pracht bedeckte sie die Oede, welche in ihr Herz eingekehrt war. Nordheim aber, pries den ärmsten Handwerker glücklich, der in seiner Dürftigkeit an der Seite einer rechtschaffenen Gattin leben kann. Noch ehe Nordheim zum Christenthum übergetreten, starb sein Vater. Der alte Mann hatte wohl gesehen, was sein Sohn litt und obwohl auch sein Vergehen gedeckt war, — so blieb es doch ein Verbrechen. Er kränkelte nicht lange, eines Morgens war er todt. Er hatte keine Ahnung von dem Opfer, welches der Sohn ihm gebracht. Hätte er einen Blick in die finstere Nacht werfen können, welche seinen Sohn umgab — eine Nacht, die keine andere Hoffnung hatte, einst durch ein freundliches Morgenroth verscheucht zu werden, als im Tode! (Fortsetzung folgt.) „Israelit* und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, sür'Z Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch bru Buchhandel jit besiehe« bet G. F. Sleinacker, Leipsig, Doßpiatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut CourS. — Directe Francoznsendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Aus-und Niedersteigen. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Leipzig. — Oesi.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. — Rumänien: Bukarest. — Palästina: Jerusalem. Aus Jaffa. — Australien: Wellington. — Feuilleton: Aus edlem Beweggrund. — Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Nürnberg. Aus Westpreußen. Kassel. Aurich. — Italien: Rom. — Türkei: Konstantinopel. — Palästina: Liberias. — Feuilleton: Kulikow, das galizische Krähwinkel. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit* Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei (Oscar Lehmann) in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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