Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1889)
- Date
- 1889-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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215 Wurde Nordheim durch seine Geschäfte und die Einladung des Directors gehindert, noch an demselben Tage wieder zu Helene zu gehen, -wie dies sein Wille gewesen, so hielt in den nächstfolgenden Tagen ein unaussprechlich peinliches Gefühl ihn zurück. „Wir müssen Beide erst ruhiger geworden fein", sagte er sich jedes Mal, wenn er mit sich selbst rang, ob er gehen oder fortbleiben solle, und so verstrichen Tage, bevor er zu dem ernsten Entschlüsse kam, die Geliebte noch ein Mal auszusuchen, um dann für immer von ihr zu scheiden. Mit schwer bedrücktem Herzen machte er sich auf den Weg. Er fand Helenens Thür verschlossen; er ging noch einige Male hin, immer vergebens, er fand sie nicht. Endlich wurde durch sein Klopfen eine Nachbarin herausgcrufen; diese verkündete Nordheim, Helene habe schon vor mehreren Tagen ihre Sachen verkauft und das Haus verlassen. Nordheim ahnte, was Helene vorhabe; nach langer Zeit wurde ihm die Gewißheit, er erhielt einen Brief von ihr, worin Helene schrieb: „Mein Arthur!" „Ich habe den Kampf gesehen, welchen es Dich „gekostet, um den schrecklichsten Preis die Liebe „des Sohnes zu bewähren. Ich gehe fort von „hier, so weit ich zu kommen vermag. Ich scheide, „ohne jeden Zweisel an Deiner Liebe, ich nehme „die feste Ueberzengung mit hinweg, Du würdest „mir treu Dein Wort erfüllt haben, hätte das „Entsetzliche sich nicht ereignet. Möge die Zeit „mein Bild in Deinen! Herzen allmählich verlö- „schen lassen! Nun noch eine Bitte; forsche nicht, wo „ich lebe in der Welt, wir dürfen uns niemals „Wiedersehen. Helene". Tiefer Schmerz und Bewunderung zugleich erfüllten Nordheim, als er diese Zeilen gelesen. Der Bitte der Geliebten, nicht nach ihr zu forschen, vermochte er nicht zu willfahren; er wollte wenigstens aus der Ferne nach Möglichkeit über ihr Schicksal Wachen, denn wehe, er zitterte bei dem Gedanken, die Arme einsam mitten in der weiten, öden und theilnahmlosen Welt zu wissen. Aber all' sein Forschen blieb fruchtlos. Helene hatte ihre Anstalten so getroffen, daß er bald ihre Spur verlor, und so schloß er sie in sein Gebet und bat um die Gnade, daß es ihm einst vergönnt sein möge, die Geliebte wiederzusehen. Der Landgerichtsdirector von Werden betrieb die Vermählung seiner Tochter mit solcher Eile, und Martha widerstrebte derselben so wenig, daß kaum einige Wochen vergangen waren, und Nordheim hatte die Taufe empfangen, — und Nordheim, der Sprosse eines guten, frommen jüdischen Hauses stand mit Martha von Werden, der Tochter des vornehmen und stolzen Landgerichtsdirector's vor dem Altar. Was gab es da nicht Alles zu reden in der Stadt und namentlich innerhalb der jüdischen Gemeinde! Man war empört über die Heuchelei des Mannes, der allsabbatlich in der Synagoge zum Gottesdienste erschienen war, — man war empört über die Handlungsweise eines Menschen, der bei seinen Glaubensgenossen die höchste Achtung errungen hatte, der die leiseste Abweichung aller anderen Glaubensgenossen von der heiligen Lehre tadelte und bitter, ohne Rücksicht bekämpfte, man war empört über die Eigennützigkeit dieses Mannes, der so elend zu handeln wagte und ein ehrbares Mädchen, wie Helene es war, — schändlich zu verrathen und zu verlassen. Das Amt, der Vortheil, so hieß es überall, haben mehr Werth, wie alle guten Grundsätze. Nordheim durfte sich nirgends sehen lassen, man spie aus, schmähte und gab seiner Entrüstung freien, ungehinderten Lauf. In unseren aufgeregten Zeiten werden die Thaten des Einzelnen immer mehr an's Licht gezogen, und wer wollte den losen und verleumderischen Zungen cntgegentreten mit der Mahnung: „Seid bedächtig, wenn es gilt, ein Urtheil zu fällen! Bedenket die Ehre des Nächsten! Eher könnte man Berge abtragen mit einer Nadel, als die boshaften Zungen zum Schweigen bringen. Aber was empfand Nordheim, als der Priester seine Hand in die der ungeliebten Braut legte, als der Priester, in wohl gewählten Worten, mit freudestrahlenden Blicken davon sprach, wie hier das Licht der Erkenntniß in ein verirrtes und kaltes Herz durch die Gewalt des Evangeliums gedrungen sei und wie mehr und mehr aus den Hütten Israels die Söhne kommen, um Aufnahme zu finden in der Gemeinschaft der weltbezwingenden Religion! Ja, meinte der Pastor, es werden einst alle Juden und Heiden konimen, um Erlösung und Frieden zu finden im Reiche des Evangeliums. Was empfand Nordheim da, als er alles Dieses hörte? Es ist wohl kaum zu schildern; der festliche Glanz des Tages sah ein Herz voll tödtlicher Eiseskälte, und Martha war nicht geeignet, es zu erwärmen. — Von dem Augenblicke, da die Beiden die Ringe gewechselt, zeigte sich eine Gleichgiltigkeit,