Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1889)
- Date
- 1889-02-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447960--28001-2475662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
210 die Stufenleiter menschlicher Entwickelung, die Leiter, die Irdisches mit Himmlischem verbindet, den Weg des Menschen zum Höheren, Idealen, den er von Stufe zu Stufe, immer höher und höher sich erhebend, zurückzulegen berufen ist. Aber „Auf- und Niedersteigen", so heißt das Motto dieser Lebensleiter, aus und nieder steigen die Engel durch ihn, durch Israel, auf und nieder der Führer durch sein Volk, auf und nieder die Eltern durch ihre Kinder. Ja, sehet hinaus auf die lebende Welt, hinaus auf die sturmbewegten Wellen Eures Lebens, wie die Wogen sich heben und senken, wie so himmelhoch sie sich thürmen, und im Augenblick in tausend winzigen Tropfen herabstürzen. Mit den Thränen des Kummers benetzt verzehrt oft der Vater sein tägliches Brod, er schafft und arbeitet im rastlosen Eifer, er wirkt und ringet vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Wo aber ist seine Freude, wo seine Hoffnung, wo strahlen ihm seine leuchtenden Sterne, wenn er des Abends, ermattet von den Mühen des Tages, heimkehrt in den häuslichen Kreis? Es ist die Schaar seiner lieben Kinder, die ihm die Speise würzen, auf ihnen ruht liebevoll sein Blick, auf ihre Häupter legt er segnend seine Hände, ans daß sie ewig ihm zur Freude seien, daß nicht der Fuß im Wandel werde gehemmt, verstrickt durch die Schlingen der Versuchung. Diese Hoffnung beseelt ihn, und wenn der Kummer ihm am Herzen nagt, er blickt mit Zuversicht hinaus in die Zukunft, sein Heil, sein Glück ruht bei seinen Kindern. Und wenn der Mensch allmählich höher und höher empor sich erhebt auf der Stufenleiter der Erdengröße, wenn er groß und erhaben, geachtet und gewürdigt über dem Boden seiner Mitwelt, angestaunt und gepriesen, von irdischem Glanze umstrahlt, das Ideal menschlicher Tugend genannt wird, wo liegt sein Heil, wo seine Zukunft, wo der Halt, die Festigkeit seiner Erhabenheit? In den Händen seiner Kinder! Nur eines seiner Kinder sollte fehlen, sollte fallen, der Verachtung preisgegeben sein, und schon ruft die gewaltige Stimme der Menschenwelt den Eltern entgegen: „Steiget hinab, denn Euer Kind ist gesunken, hinab von Eurer Größe, von Eurem Ruhme, hinweg den Glanz und die Würde." Ihr Eltern steigt und fallet mit Euren Kindern, in der Kinder Hand liegt das Zaubermittel, die Eltern groß zu machen, in ihrer Hand auch, sie zu beugen, und die Wurzel ihres Freudenbaumes auf ewig zu vernichten. Das Lebensglück derEltern ist ein Spielball in den Händen ihrer Kinder, und wohl den Kindern, die der Eltern Glück und Heil begründen, wehe aber, wenn sie zerstören, was Eltern mit schwerer Mühe erbaut. Aber noch ein Zweites bedeuten die Worte „ni f>", sie heißen auch „Laß dich hinab." „Laß dich hinab", so rief des Allmächtigen Stimme dem Lehrer, dem Führer des israelitischen Volkes zu, der hocherhaben im göttlichen Reiche, Israel entfremdet, seinem Volke entfernt geworden, dem Volke, das tief unten im Thale noch nicht den heiligen Berg betreten durfte. Wahrlich, eine gewichtige Mahnung für die Führer und Leiter, für Eltern und Erzieher. Wer als Leitstern einer Schaar in dunkler Nacht will strahlen, wer dem Volke als Lehrer die Standarte des Glaubens will vorantragen, auf daß es in seinen Bahnen wandle," auf daß es mit ihm gemeinsam dem hohen Ziel entgegensteure, der darf in seinem Thun und Lassen, in seinem Handel und Wandel nicht tiefer als sein Volk, nicht geringer als seine Schaar sich zeigen, doch auch nicht allznhoch über den Bahnen seiner Untergebenen sich bewegen. Denn wo er tiefer steht, als die ihm folgen sollen, da wird Verachtung ihm auf's Haupt geschüttet, und diejenigen, die sich seiner Führung anvertraut, die ihm das Haupt in Demuth beugen sollten, sie ntetben ihn; und wenn zu hoch er seinen Treuen scheinet, wenn sie zu seiner stolzen Würde staunend emporblicken, da wendet sich das Volk fremd von ihm ab, er kann ihn: nicht zum Muster, nicht ein Beispiel der Nachahmung ihm sein, er ist in seinen Augen nicht der M e n s ch , dem M e ns ch e n folgen können, vielmehr den Engeln gleich, ein Höheres, dem Höheren auch bestimmt. Nein, wer den Kleinen will die Lebenswege zeigen, wenn ihm des Volkes Herzen sich erschließen sollen, daß seine Worte Eingang finden, dem Balsam gleich erquickend, labend seine Lehren fruchtbar sich entfalten, der muß, er auch noch so groß, doch klein im Kleinen sich selber machen, sein Pfad darf, ja er soll wohl höher, doch a! l z u h o ch nicht sein. Ein Mensch den Menschen, doch ein höherer Mensch, das Ideal der Menschen, ein Beispiel edler Tugend, hohen Geistes, kann er der Lehrer, Leiter, eine Leuchte allen Menschen sein, in dunkler Leidensnacht. „Laß' dich hinab", rief Gott zu Moses, „dein Volk hat gesündigt, laß' dich hinab von deiner Höhe, von deiner Größe, du bist deinem Volke entfremdet, so hoch kann Israel nicht schauen, laß' dich hinab, sei ein Mensch unter Menschen, leite dein Volk, das seinem Führer sich abgewendet, damit es dir zu folgen im Stande sei.