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Der Israelit · 1889-02-07 · Heft 11 (7.2.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 11 (7.2.1889)
Date
1889-02-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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195 Gott im Himmel weiß, daß der furchtbarste Schmerz mein armes Herz zerwühlt, Du warst mir der einzige Hoffnungsstrahl, der das Leben der armen Waise erhellte. Lieber wäre ich gestorben, als daß ich den Gedanken hätte aufkommen lassen, Dich jemals verlieren zu müssen. Trotz allemdem würde ich gern in unsere Trennung willigen und mich zu trösten suchen, wenn es gelten möchte, Dein Glück zu begründen. Allein Du wirst unglücklich, tief unglücklich werden, und das bricht mir das Herz. Ich bin nur ein einfaches, unwissendes Mädchen, aber das weiß ich mit Bestimmtheit, daß Du nicht verpflichtet bist, für die Ehre Deines Vaters ein so schweres Verbrechen zu begehen wie die Verleugnung unseres heiligen Glaubens." „Es handelt sich nicht blos um die Ehre, es handelt sich um das Leben meines Vaters. Er würde die Schande nicht er-tragen." „Lesen wir denn nicht von jenen heiligen Märtyrern, die Alles opferten, um den Namen Gottes zu heiligen?" „Den Namen Gottes zu heiligen! Das ist's ja eben! Welch eine Entweihung des göttlichen Namens wird es sein, wenn der einzige Jude, der ein besoldetes Staatsamt hier bekleidet, als Verbrecher entlarvt wird werden!" Nordheim stöhnte tief auf. „Ich kann, ich kann nicht anders", sprach er ächzend. „„Lebe wohl, Helene!"" Mit diesen Worten stürzte er aus dem Zimmer. So lange hatte Helene sich aufrecht erhalten; als sich jetzt die Tritte des unendlich geliebten Mannes immer weiter entfernten, da sank sie auf einen Stuhl, und jetzt strömten ihre heißen Thränen unaufhaltsam. Helene stand arm und verlassen in der Welt, als Nordheim sie kennen lernte; sie gewann sein Herz, doch um ihr auch seine Hand zu bieten, mußte er sich auch erst eine Stellung errungen haben. Das Mädchen fragte nicht danach, es hing mit einer so unaussprechlichen, so ganz seiner selbst vergessenen Liebe an ihm, daß nie die Frage über ihre Lippen kam: „Werde ich einst Dein Weib werden?" — Nordheim, die Grundsätze seines Vaters kennend, welche verlangten, der Mann solle vor Allem erst Brod gefunden haben, bevor er sich binde, hatte seine Liebe verschwiegen; im Geheimen kam er zu Helene, Niemand sollte darum wissen, bis seine Verhältnisse ihm gestatten würden, offen mit dem Mädchen seiner Wahl hervorzutreten. Helene war es zufrieden, sie begehrte nie, es solle anders sein: der Mann ihrer Liebe war ihre Welt, sie war glücklich im Stillen in seinem Besitz. Angewiesen, durch ihren Fleiß sich das Leben zu erhalten, kam sie behufs ihrer Arbeiten in die ersten und besten jüdischen Häuser; überall war sie gern gesehen und hochgeachtet; man schätzte es sich zur Ehre, die Tochter eines alten, frommen Rabbiners, die durch den Tod ihres Vaters jeder Fürsorge beraubt war, zu unterstützen. Helene aber war ein empfindliches, stolzes Mädchen; in Gottesfurcht und Rechtlichkeit erzogen, verbat sie sich entschieden jede Unterstützung, sie wollte keine Almosen; sie konnte ja arbeiten. So kam sie denn auch in Familien, wo man Nordheims kannte. Stolz hob sich ihre Brust, wenn sie vernahm, wie man vom Sohne wie vom Vater mit gleicher Achtung sprach, wie Beider unwandelbare Redlichkeit gepriesen wurde. Aber sie vermochte es über sich, diesen Stolz tief im Herzen zu tragen, kein Laut verrieth, wie nahe der Gepriesene ihr stand, und des Auges Freudeleuchten wußte sie vor jedem Späherblick zu verbergen. Einige Jahre waren im heimlichen Glück dahingegangen, hoffend sah Nordheim der nächsten Zeit entgegen, die ihm endlich eine Beförderung versprach, welche seinen angestrengten Fleiß lohnen und dem heiß gehegten Verlangen Gewährung bringen sollte, Helene seinem Vater als Tochter zuführen zu können. Und als er dann die Gewißheit erhielt, daß er in kürzester Frist das Ziel erreicht haben werde, da eilte er freudetrunken zu der Geliebten, ihr die frohe Kunde zu bringen. „Du bist vor Gott mein Weib", sprach er, „durch mein Versprechen; nur eine kurze Frist noch, und Du bist es auch vor den Menschen." Ach, er ahnte damals nicht, wie rasch und schrecklich sich alles wenden werde. Bleich und matt trat Nordheim in das Zimmer seines Vaters; der alte Mann saß tief gebeugt in seinem Sorgenstuhle. Traurig sagte er, als er in das verstörte Gesicht seines Sohnes sah: „Ich lese in den Zügen Deines Gesichts, was Du mir zu verkünden hast, mein Sohn! Es ist keine Barmherzigkeit mehr bei Gott, keine bei den Menschen!" „Mein Gesicht?" fragte Nordheim verwirrt. „Du irrst, mein Vater, Du irrst; — richte Dich auf, ich bringe Rettung!" „Wie? habe ich recht gehört?" fragte der alte Mann, hastig aufstehend und auf den Sohn zutretend; „Du bringst Rettung, sagtest Du?" „Ja, Vater, ja!" entgegnete Nordheim. „Es ist gelungen, — Du bist gerettet!" „O, mein Sohn, mein heißgeliebter Sohn!" rief der Alte, diesen umfassend; „ist es denn wahr?

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