Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1889)
- Date
- 1889-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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190 Gottes, aber nicht Moscheh's Weisheit. Daher wird auch im Talmud gelehrt, daß niemals die Prophetie Moscheh's von einem Sterblichen erreicht werden wird; aber weise zu werden, wie Moscheh war, oder gar noch weiser, dem steht kein Hinderniß entgegen. Moscheh mußte in seinem Berufe als Ueberbringer der Thora völlig selbstlos sein, sich seiner Selbstthätigkeit vollkommen entkleiden, und dazu war die größte Demuth, die wahrhafte Demuth erforderlich. Moscheh's Weisheit, Tugend, Hingebung, Aufopferungsfähigkeit, seine unendliche Liebe für sein Volk und alle seine andern großen Eigenschaften kommen bei seiner hohen Aufgabe nicht so sehr in Betracht wie seine wahrhafte, unübertroffene Demuth, und deßhalb ist es gerade diese Eigenschaft, welche die Thora vor allen andern hervorhebt. Sie war die Grundbedingung, die ihn befähigte, die Thora zu empfangen und sie Israel zu überliefern. Diese Demuth bewies Moscheh schon bei seiner Berufung, bei der Erscheinung am brennenden Dornbüsche: „Und es sprach Moscheh zu Gott: Wer bin ich, daß ich gehen soll zu Pharao und daß ich führen soll die Kinder Israel aus Mizrajim?" (2. B. M., Cap. 3, V. 11.) Nach vielen anderen Einwendungen, die ihm Gott widerlegt, spricht er endlich (2. B. M., Cap. 4., V. 13): „Ich bitte Dich, o Herr, schicke doch den, der von Dir geschickt zu werden geeigneter ist." (Vergleiche Targum Onkelos.) Raschi zur Stelle führt aus, daß Moscheh seinem älteren Bruder Aharon, der schon in Mizrajim durch den Geist der Prophetie ausgezeichnet war, den Vorzug lassen wollte. Und es entbrannte der Zorn des Ewigen über Moscheh, und Er gesellte ihm als Gehilfen seinen Bruder Aharon, den Lewiten, bei. Warum hier betont wird, daß Aharon ein Lewit war, das deuten unsere Weisen dahin: bis jetzt war es bestimmt, daß Aharon nur Lewit und nicht Hoherpriester sein sollte. Durch seine übergroße Demuth hatte Moscheh die erbliche Priesterwürde verscherzt, die nun seinem Bruder Aharon übertragen werden sollte. Die Bedeutung jenes Wortes war Moscheh erst in dem Augenblicke klar geworden, als Gott zu ihm sprach: Setze Aharon und seine Söhne für ewig zu Priestern ein. Und nun werden wir den Sinn des oben von uns angeführten Midrasch verstehen. Als Gott dem Moscheh befahl, seinem Bruder die erbliche Priesterwürde zu verleihen, da war Moscheh bekümmert, nicht etwa deßwegen, weil seinem Bruder so Großes gegeben wurde, sondern, weil er fühlte, weil es ihm zum Bewußtsein gelangte, daß er damals, bei seiner Berufung, die hohe Priesterwürde durch eigene Schuld verloren hatte. Und Gott sprach zu ihm: Gräme dich nicht deßhalb; nur in Folge deiner unübertroffenen Demuth vermochte Ich die Thora, die bis dahin Mein ausschließliches Eigenthum war, dir zu übergeben; sie ist die Grundbedingung der Existenz des Weltalls, und wärest du nicht so demuthsvoll gewesen, so wäre die Welt in Gefahr gekommen, zu Grunde zu gehen. Was ist das Hohepriesterthum, was die erbliche Priesterwürde im Vergleich mit der Aufgabe, die dir geworden? Die Thora, sie ist mehr als alles, sie ist die Grundbedingung der Existenz des Weltalls, und durch deine Demuth hast du zwar die erbliche Priesterwürde verloren, aber die Grundpfeiler aller Welten aufgerichtet. — Und Moscheh spricht getröstet : Wäre Deine Lehre nicht meine Wonne, dann hätte ich verloren durch meine Demuth. "^2 »rros in 'jntyyt? fnmn *) So aber, habe ich nichts verloren, sondern nur gewonnen, denn die Thora ist werthvoller und herrlicher als alles in der Welt. Uns hat unser großer Lehrer Moscheh die Thora gebracht, w i r sind die Eigenthümer und Besitzer derselben. Viele unserer Glaubensgenossen jedoch gleichen einem Manne, in dessen Hof ein Schatz vergraben ist, er aber weiß nichts davon. Hunderttausende sind fein Eigenthum, und er kann nicht einmal ein Stückchen Brod dafür kaufen. Die Thora ist unser Eigenthum, was nützt es, wenn sie unbeachtet und unverstanden im Winkel ruhet? Wir müssen den Schatz zu heben suchen. Die Thora ist unser Erbtheil nur dann, wenn wir durch Lernen und Forschen sie uns und unseren Kindern erringen. Sie hat uns am Leben und aufrecht erhalten in der laugen Reihe von Jahrhunderten, da Schmach und Elend uns zu Boden drückten, uns vernichten wollten. „Wäre Deine Lehre nicht meine Wonne", so kann auch die Gemeinde Jsrael's sprechen, „dann wäre ich in meinem Elend längst vergangen. Niemals werde ich vergessen Deine Vorschriften, denn durch sie Haft Du mich am Leben erhalten." _ Israel, der Hräger des Hatteskichtes. Von Js aac Hirsch. (Schluß.) .'TS *pJl *]T3 ’U »JT .T3pn TÖN Gott hat ZU Israel gesprochen, fährt der Midrasch fort. Mein *) Das Zeitwort “DN wird transitiv und intransitiv gebraucht; es kann daher mit „verlieren" oder mit „verloren sein" übersetzt werden. "JJD kann „in meinem Elend", aber auch „durch meine Demuth" bedeuten.