Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1889)
- Date
- 1889-01-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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150 throne in ihrer Mitte — in seiner Mitte, heißt es nicht, sondern in ihrer, in Israels Mitte." — Insoweit ist dieser Ansspruch der Weisen Reicht verständlich. Schwer zu verstehen jedoch ist der Schlußsatz des Citats: „Und den Esaw habe Ich gehaßt." Warum fügen die Weisen die Anfangsworte des zweiten Verses noch hinzu? Der Hinweis auf den ersten Vers hätte ja vollkommen genügt. Das Prophetenwort selbst bedarf der Erklärung. Wie, der allmächtige Gott, der Schöpfer des Weltalls, der Vater aller Menschen, sollte eine Anzahl Seiner Kinder hassen? — In dem angeführten Midrasch wird uns auf diese Frage durch ein wundervolles Gleichniß Antwort ertheilt. Turnus Rufus, der römische Statthalter von Syrien, liebte es, allerhand verfängliche Fragen an Rabbi Akiba zu richten. Eines Tages fragte er ihn: Warum haßt Gott uns, indem Er in Bezug auf uns geschrieben: Und den Esaw habe Ich gehaßt? — Bekanntlich wird in der talmudischen Literatur das heidnische Rom mit Esaw oder Edom identifizirt. — Und Rabbi Akiba sprach: Morgen werde ich deine Frage beantworten. — Am andern Tage fragte Turnus Rufus ironisch: Nun, Akiba, was hat dir in voriger Nacht geträumt? — Er wollte ihn damit verhöhnen, weil er seine Antwort um einen Tag verschoben hatte, und es sollte soviel heißen, wie: Ist dir etwa im Traume etwas eingefallen, was du im Wachen nicht zu sagen wußtest? — Rabbi Akiba schien jedoch die Ironie zu überhören und sprach: Ich hatte in der verflossenen Nacht einen sonderbaren Traum; ich besaß nämlich — so kam es mir im Traume vor — zwei Hunde; der eine hieß Rufus, der andere Rufina. — Da fuhr Turnus Rufus auf und schrie: Du bist des Todes schuldig, da du mich so verhöhnst und deine Hunde nach mir und meiner Gemahlin nennst! — Was willst du, sprach Rabbi Akiba, ist denn das eine so schlimme Beleidigung? Ist der Hund nicht ein Geschöpf, das mit dem Menschen in vielen Beziehungen Aehnlichkeit hat? Die Menschen essen und trinken, und die Hunde essen und trinken, die Menschen begatten und vermehren sich, und die Hunde begatten und vermehren sich, die Menschen sterben und die Hunde sterben, und dennoch entbrennet dein Zorn, weil ich die Hunde nach deinem und deiner Gattin Namen genannt? Nun siehe, der Heilige, gelobt sei Er, der da ausspannt die Himmel und begründet die Erde, der da tödtet und belebt — und ihr nehmt ein Stück Holz und nennt es Gott nach Seinem Namen, und Er sollte euch nicht zürnen, euch nicht hassen? Nach diesem Gleichnisse wird uns der Sinn des Prophetenwortes klar werden. Die größte Liebe, die Gott uns erwiesen, ist die, daß Er uns Seine Wahrheit offenbart, daß Er uns zur wahren Gotteserkenntniß geführt hat. Diese höchste Stufe des menschlichen Seins überwiegt millionenfach alle irdischen Güter. „Ich habe euch geliebt, hat gesprochen der Ewige." Aber Israel will vielfach diesen Beweis der göttlichen Liebe nicht anerkennen. „Und ihr habt gesprochen: Wodurch hast Du uns Deine Liebe bewiesen?" So hört man namentlich in unserer Zeit täglich sprechen. Viele Leute empfinden die Zugehörigkeit zu der israelitischen Nation als eine schwere, unerträgliche Last. Es ist ja wahr, unser Volk hat viel gelitten, vielleicht mehr als irgend ein anderes, von dem die Weltgeschichte erzählt. Man hat uns verfolgt mit Feuer und mit Schwert, hat uns zu Boden gedrückt mit schrecklichen Ausnahmegesetzen, hat uns ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft. Noch heute hat der Jude um seines Judenthums willen viel zu leiden. Dagegen haben wir das beglückende Bewußtsein, daß des Allmächtigen Liebe und Sorgfalt stets über uns wacht und uns vor dem Untergange behütet. Kein Volk der Welt ist so einflußreich auf die Geschichte der Menschheit geworden wie das unserige. Unsere Geschichte ist die heilige Geschichte aller civilisirten Völker des Erdbodens. Selbst die Judenfeinde müssen das anerkennen. Ein bekannter Hofprediger hat es einst im Reichstage beklagt, daß die chr. Kinder einer Berliner Schule von der Krankheit und Genesung eines jüdischen Königs, der vor etwa 2500 Jahren lebte, nichts zu erzählen wußten. — Gott hat uns stets auf die höchsten Höhen menschlicher Gesittung geführt und hat uns niemals fallen lassen. Selbst, nachdem Er es zugelassen, daß Sein Heiligthum ist zerstört worden, hat Er nicht anfgehört in unserer Mitte zu thronen, und in fast allen Ländern der Erde sind Ihm jüdische Heiligthümer — heißt doch die Synagoge oyo cnpD — errichtet worden, aus denen unsere Gebete zu Ihm emporsteigen und Erhörung finden. „Ist nicht ein Bruder Esaw dem Jakob, spricht der Ewige, und Ich liebte den Jakob, und den Esaw habe Ich gehaßt." Abraham war der erste Lehrer der Gotteserkenntniß; durch Jizchak ward die Gotteserkenntniß in Abrahams Familie heimisch. In seinem Uebermuthe wandte sich Esaw, Jakob's Zwillingsbruder, von der reinen Gotteslehre ab und dem Götzendienste zu. Nicht haßt Gott den Jawan oder den Paras oder den Gomer, sondern den Esaw, der in der reinen Gotteslehre von Abraham und Jizchak