Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1889)
- Date
- 1889-01-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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139 schichte ist, die trotz ihrer Furchtbarkeit von besonderem Interesse dünkt, nein, das Städtchen selbst ist von der Art, daß es keiner angeknüpften Sage bedarf, um die Aufmerksamkeit des Reisenden zu fesseln. In keinem Theil der Welt kennt man eine durchaus liebliche und malerische Landschaft, wie diejenige, welche auf jeder Seite der Stadt, von der ich rede, dem Auge sich darbietet. Dieses Städtchen hat auch viele jüdische Einwohner, friedliche und arbeitsame Leute, die sich Ansehen und Achtung zu verschaffen gewußt und mit ihren Mitbürgern im besten Einvernehmen leben. So traut und harmonisch, wie hier die Natur, sind auch die Einwohner. Romantisch und schön lag der kleine Judenfriedhof in der Nähe der Stadt. Er war durch einen schmalen Bach von der Landstraße getrennt, und durch das Hauptthor führte eine kleine Brücke. Das Bächlein selbst war nicht ohne einen gewissen Ruf unter der Angelzunft — und dieser Ruf zog dem Städtchen willkommene periodische Wanderer zu. Zu Eingang des kleinen jüdischen Friedhofes stieß man auf ein kürzlich erst geweißtes Haus, an welchem die beschnittene Hecke, sowie das nette, neu ausgebesserte Geländer, welches zu der Wohnung führte, auf eine strenge Ordnungsliebe des Besitzers schließen ließen. Hier wohnte der Friedhofsverwalter Jakob Heim, ein alter Ehrenmann, der viele Jahre Soldat gewesen und cs bis zum Rang eines Korporals gebracht, und ein kleines Vermögen allmählich zusammengespart hatte. Er hatte einen guten Theil der Welt gesehen und die Erfahrung einen verschlagenen Kopf aus ihm gemacht. Jakob Heim war ein frommer und gottesfürchtiger Mann, er hatte nichts danach gefragt, als man in seiner Jugend über seine Religion spottete; er achtete nicht darauf und zeichnete sich aus durch Gehorsam und Rechtlichkeit, so daß selbst die Soldaten der Garnison den alten jüdischen Veteran ehrerbietig grüßten und der Platzoberst, wenn er vom Felde kam, nicht vorüber gehen oder reiten konnte, wenn er nicht Jakob Heim die Hand gedrückt. Kam man zufällig der Thür des Veterans nah, wo er gewöhnlich, falls er nicht beschäftigt war, auf einer steinernen Bank saß und mit halb geschloffenen Augen, gekreuzten Beinen, aber stets unnachgiebig gerader Stellung, im Genuß seiner Pfeife schwelgte, dann empfing man gewiß einen herzlichen Gruß. — Dichtes altes Weiden- und Erlengebüsch ragte empor, wenn man das Auge hob — und man sah, I daß hier ein Friedhof, eine geweihte Stätte sei. Alte und neue Grabsteine bewiesen, daß die Liebe mit dem Tode nicht aufgehört. Manches schöne Denkmal war verziert mit den begeisterten, tiefsinnigen Worten und Sprüchen der Alten, und der kleine Friedhof war sauber gehalten. Jakob Heim war ein pflichtgetreuer Wärter; er bewachte und pflegte jedes Grab, ohne es zu beachten, daß er hier und da mehr Vortheil habe. Selten kannte wohl ein Mensch in der kleinen Stadt R.die Verhältnisse so genau, wie der Wärter Heim; er war im Stande über jedes Grab Auskunft zu ertheilen; er kannte die Angehörigen und war eingeweiht in die Geheimnisse, welche die Todten mit in's Grab genommen, hieß es in der Stadt. Soviel dieser Mann nun auch wußte, er schwieg und niemals konnte Jemand auftreten im Städtchen R., der sich über Jakob Heim's Plaudereien zu beklagen gehabt hätte. Er hatte einfach das volle und ganze Vertrauen der Menschen erworben, und wessen Herz voll war, der fand bei Jakob Heim einen väterlichen Freund. Gar manche Jungfrau saß stundenlang an der Seite des trauten Alten, um von den geliebten Eltern zu sprechen, die sie so früh verloren, und Heim, der ehrliche, alte Mann weinte, wenn Andere weinten, und tröstete alle Trauernden. Ach, es lag etwas unaussprechlich Anziehendes in der würdevollen Erscheinung des alten Wärters. In der Stadt aber, da war eines Tages eine feine Dame angekommen und wollte eiligst wissen, wo der jüdische Friedhof sei. Da wurde sie denn bald hingewiesen und kaum dort angekommen, war die Dame ohnmächtig zusammengesunken. Heim rief laut um Beistand und nach wenigen Minuten war eine Bauersfrau herbeigeeilt, — man brachte der Ohnmächtigen Hilfe. Nach wenigen Minuten nur hatte sich die Dame erholt und verlangte von Heim, er solle sie an eine Grabstätte führen. Der alte Wärter war etwas erschrocken, als die Dame frug: „Wo sind die Gräber der Familie Nordheim?" „Nordheim!" rief der Alte. „Nordheim!" antwortete die Dame, und ihre Thräuen flössen unaufhörlich. Jakob Heim war eiligst vorangeschritten; die Dame wankenden Schrittes nach. Durch eine Reihe Gräber kamen die Beiden an ein Wandbegräbniß, welches mit Holzstangen eingefriedet war. An der Wand war in Goldschrift eingegraben: Familie Nordheim. Heim öffnete einen kleinen Verschlag, die Dame