Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-01-24 · Heft 7 (24.1.1889) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 7 (24.1.1889)
Date
1889-01-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2447955--27908-2475564
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-■ *}-r .77' - '§«?!-~*l„ 122 als verderbenbringend von den Gegnern angegriffen wurde, deren bescheiden austretende und nach verschiedenen Seiten hin segenbringende Thätigkeit, aber bald die Gegner und Widerstrebenden entwaffnen mußte. Jetzt vollendete Hirsch einen größeren Commentar zum Gebetbuche, er erlangte durch eine Eingabe beim Cultusminister betr. die Dispensation religiöser Abiturienten von den Arbeiten am Sabbat einen indirecten Erfolg, er beseitigte unter thätigster Beihilfe des Provinzialrabbiners Vr. Cahn die Schwierigkeiten der Mezizafrage und vertheidigte sein Vorgehen in einer Zuschrift an den „Israelit", welche wohl seine letzte öffentliche Kundgebung war. Noch vermochte er die Correctur des neugedruckten „Choreb" selbst zu lesen, am Sabbat 2^1 '5 hielt er seine letzte Predigt, anknüpfend an das Wort des I 0 s e p h: „Wie sollte ich einen so großen Frevel begehen und mich versündigen gegen Gott!" Wenige Tage darauf trat sein altes Leiden mit trotziger Hartnäckigkeit hervor und warf den Mann, der so manchen Sturm überdauert, auf das Lager; eine in den letzten Lebenstagen zu vollziehende Operation gestattete er nur, wenn sie „sofort", noch vor der Einkehr des Sabbats, vor sich ginge: vergebens! Mit freudiger Genugthuung über den Inhalt seines köstlichen Lebens mochte er die Scheidestunde nahen sehen; sein letzter Sonnenblick traf die jüngste Tochter, welche aus London herbeigeeilt war und im Reisegewande die Hand ihres noch lebenden Vaters küssen durfte, und wenige Sekunden später ertönte das Bekenntniß des einig-einzigen Gottes, für dessen Lehre der Sterbende gelebt, für dessen Zeugniß er gekämpft hatte mit allen Fasern des Herzens, mit allen Pulsschlägen des Seins. — Wie lautet doch der rührende Schluß jenes Vorwortes znm „Choreb?" „Nur Versuche wage ich zu bieten, nichts Vollendetes, — glücklich, wenn hie und da ein Gedanke einem Reicherbegabten nicht unwerth schiene, ihn weiter zu verfolgen und Hand anzulegen, wo meine Kraft geendet, — glücklich, wenn auch nur Einem der edelen Söhne und Töchter meines Volkes mein Buch Veranlassung würde, sich zu flüchten aus den Strömungen der Zeit zu dem Einen Festen in allem Schwankenden, zu Gott und Seinem Worte, — glücklich, wenn was Irrtümliches und Falsches meinen Versuchen anhängt, als solches erkannt würde, daß es nicht Beitrag werde, zu mehren die Summe des Jrrthums und der Lüge; aber auch des Wahren und Reinen Einiges daran wäre, das Der, in Dessen Händen die heiligsten Angelegenheiten Israels ruhen, nicht verschmähete, wenn auch noch so geringen Beitrag werden zu lassen zum heiteren Lebensbau des Allerheiligsten in Israel-auch nur einen Stein zum großen Bau getragen, auch nur einen Oelstropfen: in die Lampe des Heiligthums gespendet, — wer hätte darin nicht seinen überreichen Lohn!" Vor 25 Jahren wurden dieses demuthsvolle Bekenntniß geschrieben: aus dem Stein ist ein Heiligthum, aus dem Oeltropfen eine ewige Leuchte geworden! Der Baumeister ist heimgegangen, der Priester hat sich zum Schlummer niedergelegt! Nun, so wollen wir am Grabeshügel des Tobten uns zu dem Gelöbniß verbinden, das Heiligthum zu schirmen und das Licht nicht verlöschen zu lassen, bis daß ein schönerer Morgen tagt und die Lichtsaat des Verklärten reife. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Galberstadt, 21. Januar. Eines unserer angesehensten Gemeindemitglieder, den Buchdruckereibesitzer Hermann Meyer, Senior und Begründer des mit seinem Sohne unter der Firma H. Meyer's Buchdruckerei betriebenen Geschäfts, haben wir gestern zur letzten Ruhe begleitet. Ein unabsehbarer Leichenzug, wie ihn Halberstadt selten gesehen, legte beredtes Zeugniß ab von der überaus großen Beliebtheit und Achtung, in der er bei Glaubens- und Nichtglaubensgenossen stand. Nach einem Leben voll anstrengender Thätigkeit, die von den schönsten Erfolgen gekrönt war, ist er Freitag, 18. d. M., in eine bessere Welt Angegangen. Von seinen Eltern der Buchdruckerkunst bestimmt, ist er dieser nicht allein während ca. 60 Jahre — bis zu seinem Ableben — treu geblieben, sondern war auch stets bestrebt, mit der Zeit fortzuschreiten, und verlieh dadurch der Firma einen weit über die Grenzen der Vaterstadt gehenden guten Ruf. Aus den kleinsten Anfängen hat er sich durch seine unausgesetzt rege Thätigkeit empor gearbeitet und blieb sich in allen Lagen als ein religiöser und rechtschaffener Charakter treu. Unter den größten materiellen Opfern hat er — um nur ein Beispiel seiner Religiosität anzuführen — die Heiligung des Sabbats und der Feiertage beobachtet, indem er seinen vielen Arbeitern den vollen Wochenlohn auszahlte, ohne daß diese auch nur im geringsten an diesen Tagen etwas ihm leisten dursten. ^ein Familienleben war ein mustergiltiges in jeder Beziehung. Er hinterläßt eine fromme Gattin, mit welcher er länger denn 40 Jahre in treuer Ehe lebte, einen Sohn und zwei Töchter, welch' letzteren er in Gemeinschaft mit seiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.