Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-01-24 · Heft 7 (24.1.1889) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 7 (24.1.1889)
Date
1889-01-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2447955--27905-2475561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

119 stets das Gute zu wollen und anzustreben, gib mir die Kraft, stets das Schöne zu thun. Du, weise mir die Wege, liebevoller Vater, und ich werde nicht straucheln. „Das Wissen ist der Tod", läßt Schiller seine Kassandra ausrufen. Für diesen Charakter ohne Thatkraft, der sich von den Menschen zurückzieht, der in des Waldes tiefste Gründe sich flüchtet, mag dieses Wort Geltung haben. Wehe aber denen, die es verallgemeinern wollen. Nein, ihr lieben Freunde, das Wissen ist das Leben. Nur, wenn wir uns selber wissen, wenn wir die Art und das Wesen unserer Leidenschaft richtig erkannt haben, vermögen wir auch, ihnen die Richtung zu geben. Daher ist das „Prüfe Dich selbst" die erste Bedingung, ein braver Mensch zu werden. Auch in unserer Religion ist das Wissen das Fundament des Handelns, die Bedingung des Lebens, nur wer die Gebote des Herrn kennt, vermag sie zu erfüllen. Darum lerne, und Du wirst leben. IX. Der Winter war still zu Ende gegangen. Für das Sommersemester siedelte ich nach einer Hochschule Westdeutschlands über. Friedrich begleitete mich; er hat sich seit jenen Vorgängen nie auf längere Zeit von mir getrennt. Frau von Bronnfeld pflegte ihre Briefe an Fritz und mich gemeinschaftlich zu richten und wir erwiedern ihr in einem Brief. Jüngst aber empfing ich von ihr ein Schreiben, das nur an mich gerichtet war; es lautete, wie folgt: B., 12. Oct. 1888. Theurer Freund! Ihre jüngsten Zeilen haben mich sehr erfreut und danke ich Ihnen für dieselben. Die darin enthaltenen Anspielungen auf die politischen Tagesereignisse haben mir zum Nachdenken viel Anlaß gegeben. Die Politik wandelt jetzt unter Palmen und sendet den deutschen Kaiser als Friedensengel in die weiten Lande umher. Die Ruhe nach außen scheint für unser liebes Deutschland gesichert und auch der innere Friede trifft Vorbereitungen, bei uns einzuziehen. Der Culturkampf, der Protestanten und Katholiken entzweite, ist zu unserem Glück beendet, und auch die Antisemitenbewegung stöhnt gleich einer Sterbenden. Hoffen wir, daß der Tod diese Hydra nicht allzulange auf sich warten lassen wird. Unser unvergeßlicher, strahlender Kaiser Friedrich hat als ein edler Ritter für das Recht sie zu Boden gestreckt, und der jetzige, krasterfüllte, jugendliche Monarch, der, was Recht und Frieden anbelangt, keinen anderen Weg kennt, als sein hochseliger Vater, hat den Willen und die Macht, auch die letzten zuckenden Anstrengungen dieser Giftschlange zu verhindern. Sie wird den Geifer der Zwietracht nicht mehr unter die deutschen Männer spritzen dürfen. Man hat sie erkannt, und darum ist sie verloren. Meine jetzige Stellung bringt mich^viel mit Hoch und Niedrig in Berührung und ich yabe^stets gefunden, daß es nur der doch Verlorene ist, der sich gern durch Giftgetränke berauscht, daß der Antisemit oft nur seinem Aerger über fein eigenes verfehltes Dasein Luft macht, wenn er über die -Juden herzieht. Ach, Sie wissen es, welch' ein trauriges Beispiel mein verstorbener Gatte und ich hierfür gegeben haben. Das ist es, wovon ich reden wollte. Mein Sohn theilte mir neulich mit, daß Sie sich hie und da auch literarisch beschäftigen. Ich wollte Sie bitten: Schreiben Sie unsere Geschichte. Halten Sie den Leuten, die so sind, wie wir waren, den Spiegel vor, damit jene ihr verzerrtes Antlitz erkennen und sich voll Abscheu vor sich selbst, hinwegwenden, damit sie aufhören, ihre eigene Carrikatur zu spielen, damit sie, wenn sie noch zu retten sind, wieder Menschen werden. Aber auch, damit die Welt die aus dem Sumpfe nicht Hervorzuholenden erkenne und verachte, und damit diejenigen, die nur aus Jrrthum diese traurige Gemeinschaft theilen, nicht länger mehr die Verführten sein mögen, sich emporraffen, und frei von kleinlichem Parteienhader reine Kämpen der deutschen Sache werden, mithelfen im einigen Deutschen Reich, auch die innere Einheit auszubauen, daß man wie unser erhabener Kaiser sagte, Keinen kennen möge, als Freunde unseres geliebten Vaterlandes oder'Gegner unserer gesunden Entwicklung, nicht aber die Menschen nach dem religiösen Bekenntnisse, nach Land oder Race unterscheide. Fürchten Sie nicht, theurerZFreund^daß^es mich verletzen werde, unsere Schandthat gebucht^und gedruckt vor mir zu sehen; ich^habe in den vergangenen Jahren soviel darüber nachgedacht und so sehr sie mir in ihrer ganzen Entsetzlichkeit vergegenwärtigt, daß eine ausführliche Wiederholung aller jener Begebenheiten keinen Schrecken^mehrl für mich haben wird, sondern allein das angenehme Gefühl, das über uns zu kommen pflegt, wenn wir von einer Gefahr erzählen hören, die wir glücklich Überstunden haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.