Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1889)
- Date
- 1889-01-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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106 ausgezeichneten Rufes erfreut, darf in der Berufung zu so hoher Ehrenstellung den Ausdruck der allgemeinen Beliebtheit, der er sich erfreut und einen Beweis der ihm allüberall entgegengebrachten Hochachtung und Werthschätzung erkennen. Anderseits beweist diese Wahl, daß die Anhänglichkeit an dem Väterglauben kein Hinderniß im öffentlichen Leben bildet. Lübeck, 15. Januar. Unsere Gemeinde, die von jeher an allen Ereignissen, die unser Volk betreffen. regen Antheil genommen hat, betrauert mit ganz Israel den Heimgang unseres großen Lehrers und Meisters Rabbiner Hirsch y'sn. In einem nsDn, das gestern Nachmittag unser verehrter Herr Rabbiner Dr. Carlebach vor zahlreich erschienener Gemeinde hielt, fand unser Schmerz beredten Ausdruck. Anknüpfend an die Erklärung Raschis zu 1. B. M. 44, 29. führte der Redner aus, daß nach dem Heimgang des großen Todten die Wunden, die uns durch den Tod des Oberrabbiners von Hamburg U'2 und des großen Gelehrten Rabbinowitz geschlagen wurden, wieder von neuem heftigen Schmerz in uns fühlbar machten: \v\thtw ’ty non m nio' oni nnt< dvd ino. Der Redner verglich alsdann die drei Hingeschiedenen mit den drei Grundsäulenn, auf denen die Welt steht min, nniDy und o'ion m^oj, indem er auf das immense Wissen und Wirken des großen Gelehrten Rabbinowitz yui auf dem Gebiete der min hinwies', hervorhob, daß der Oberrabbiuer Stern bei seiner großen Gelehrsamkeit durch seine Wirksamkeit auch als ein hervorragendes Muster der praktischen Bethätigung der min voran leuchtete uud schilderte endlich in ausführlicher Weise, daß Rabb. Hirsch y'm dadurch, daß er mit seiner großen Geistesschärfe die min in seltener Weise erfaßt und gelehrt, für deren praktische Ausführung Unvergleichliches geleistet hat, durch seine mm und miDy ein non tou geworden ist für ganz Israel. Die in Form und Inhalt meisterhaft gehaltene Rede verfehlte nicht, auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck auszuüben und khat uns wiederholt und eindringlich zum Bewußtsein gebracht, was unser Volk an Rabb. Hirsch jn besessen fiat, und was wir durch sein Scheiden verloren haben. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Budapest, 16. Januar. Als der unselige Congreß seine Verhandlung geschlossen, wurde in finsterer Nacht der Beschluß gefaßt, daß Ungarn so unglücklich sein solle, daß daselbst ein Rabbiner- Seminar, welches unter Aufsicht von solchen Männern gestellt werden wird, die das traditionelle Judenthum als ein Hirngespinnst betrachten, errichtet werden soll. Die Situation war dem Beschlüsse günstig, und im Jahre 1877 wurde eine Anstalt in's Leben gerufen, die es sich zur Aufgabe machte, solche Schüler auszubilden, denen es gefallen soll, das ung. Judenthum zu reformiren. Der unwissenden und leichtgläubigen Menge hielt man einen falschen Spiegel vor die Augen, man verleumdete und mißkredirte alle ehrlichen Juden, die die Tragweite dieses Vorgehens erkannten und posaunte in die Welt hinaus, im Seminar würden für das Judenthum Rabbiner gebildet, die berufen seien, die Zukunft des Judenthums zu sichern. Das war und ist eine Unwahrheit, denn alle Schüler, die das Seminar verlassen haben, strafen die Behauptung Lügen. Im Seminar werden sie im Geiste destruktiver Ideen großgezogen, die guten Alten, die eine goldene Mittelstraße einschlugen, werden von den Professoren als Empiriker gescholten, Geiger, Holdheim und Philippson sind die Helden, deren Arbeiten nran unseren Seminaristen anempfiehlt, den letzteren wahrscheinlich nur seinem Schwiegersohn zu Lieb, der Mitglied der Commission ist. Der gegenwärtige Oberrabbiner von Prag, Herr Markus Hirsch, theilte mir gelegentlich der ersten Prüfung, der er anwohnte, Dinge mit, derentwegen man wahrlich nicht weiß, ob man sich wegen der Gottlosigkeit der Professoren ärgern soll, oder ob man wegen ihrer Dummheit lachen soll. Damals schon, da man seine Anwesenheit fürchtete, erlaubten sich die Streber Dinge, die in einer solchen Anstalt nicht geduldet werden sollten; heute setzen sie sich über traditionelle Angelegenheiten öffentlich hinweg und manche sind so frech, sich öffentlich in der Gegenwart von Juden den Glimmstengel am Sabbate in den Mund zu stecken. Ja, letzthin fanden wir zum Gaudium der Antisemiten im „Pesti Hirlaß" eine Mittheilung, daß die Schüler des Seminars öffentlich sich über die schlechte Behandlung in der Anstalt, über Jnsultirungen 2C. rc. beklagten, man schimpfte sie daselbst „Juden" —! Nun, eine solche Frechheit übersteigt alle Grenzen, und die Behandlungsweise, die die Seminaristen sich dort angewöhnen, bethätigen sie im Amte. Saubere Aussichten stehen uns bevor! Der Geist, der die Anstalt durchweht, ist geeignet, uns Dinge erleben zu lassen, daß die Kluft der Entzweiung im ung. Judenthum sich baldigst erweitern wird. Man höre und staune: Ein pädagogisches Blatt, „Nepnevelök lapja“, das auf der Stirne die Zahl XXIII. trägt, dessen Redakteur, wie ich mich eingehends erkundigte, zu den Besten