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Der Israelit · 1889-01-21 · Heft 6 (21.1.1889) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 6 (21.1.1889)
Date
1889-01-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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98 Unsere Weisen erzählen uns im Traktat Joma (22 d.): Raw Jehuda sagte im Namen des Raw: Wodurch kam es, daß Schaul, der erste König von Israel, der sündenfrei den Thron bestieg, solche Thaten verübte, welche den Untergang seiner Dynastie so bald herbeiführten? (Vergleiche Raschi zur Stelle.) Weil er in übergroßer Milde seiner hohen Würde nicht gerecht wurde, indem er seinen Beleidigern verzieh. Denn so heißt es (1. B. Samuel, C. 10, V. 27): „Und nichtswürdige Leute sprachen (nach der Königswahl): Was wird uns dieser helfen? Und sie verachteten ihn und brachten ihm kein Geschenk; er aber schwieg dazu." Und ferner heißt es (daselbst Cap. 11, V. 1 und ferner): „Und es zog herauf Nachasch, der Ammoniter, und belagerte Jabesch Gilead. Und an der Spitze des israelitischen Heeres zog Schaul dem Feinde entgegen und brachte ihm eine vollständige Niederlage bei. Da sprach das Volk zu Samuel: Wer da gesprochen hat: Soll Schaul über uns König sein? — gebet her die Männer, daß wir sie tobten! Schaul aber sprach: Niemand soll getödtet werden am heutigen Tage, denn heute hat vollbracht der Ewige Hilfe in Israel. (Vergleiche Raschi zur Gemara.) Diese Erzählung unserer Weisen bedarf nach zwei Seiten hin der Erklärung. Zum ersten ist es auffallend, warum Raw Jehuda sich nicht mit der Anführung des 27. Verses im 10. Kapitel begnügt. Aus den Worten: Er aber (Schaul) schwieg dazu (zu der Beleidigung), geht ja schon zur Genüge herbor, daß Schaul die Beleidiger zu strafen nicht die Absicht hatte. Wozu bedarf es noch der Anführung der Vorgänge nach dem siegreich vollbrachten Feldzuge? Eine viel schwerer wiegende Erwägung ist die, daß wir bei David ganz etwas Aehnliches finden, ohne daß ihm der Talmud das als Vergehen anrechnet; ja, es sind fast dieselben Worte, die Schaul und David bei ähnlichen Gelegenheiten sprachen. Schaul sagte (1. B. Samuel, Cap. 11, V. 13): ntn nv2 nev *6. „Es soll nicht sterben ein Mann an diesem Tage." Und David sprach (2. B. Samuel, Cap. 19, V. 23) : rn nov ovn wae^a? „Soll etwa heute getödtet werde« ein Mann in Israel?" Wir wollen den letzteren Vorgang ausführlich berichten, um den Unterschied zwischen Schaul und David in dieser Beziehung ins rechte Licht zu stellen. Absolom hatte sich gegen seinen Vater empört, und David mußte entfliehen. Auf der Flucht lief ihm ein Mann nach, Schime'i ben Gera, aus der Familie des Schaul, und er warf ihn mit Steinen und er beschimpfte ihn und verfluchte ihn, und alle Begleiter des Königs sahen und hörten es. Da erbat sich Abischai ben Zerujah die Erlaubniß, den Lästerer zu tödten, David aber verwehrte es ihm (2. B. Samuel Cap. 16). Als nun der Krieg gegen Absolom siegreich beendet war und David nach Jerusalem zurückkehrte, da eilte ihm Schime'i entgegen, warf sich ihm zu Füßen und bat um Verzeihung. Und Abischai sprach: „Soll Schime'i nicht dafür getödtet werden, weil er verflucht hat den Gesalbten des Ewigen?" David aber wehrte ihm und sprach: „Soll heute getödtet werden ein Mann in Israel? Weiß ich denn nicht, daß erst heute ich König geworden bin über Israel?" Als nach dem Tode des Königs Salomo seinem Sohne und Nachfolger Rehabeam das Volk Bedingungen stellte, da riethen ihm die erfahrenen Rathgeber seines Vaters, das strenge Recht nicht walten zu lassen und dem Volke gegenüber Milde zu üben, bis sein Thron befestigt sein würde. Rehabeam folgte diesem Rathe nicht und verlor die größere Hälfte seines Reiches. Wir sehen daraus, daß der junge König (oder der nach einer Empörung seinen Thron wiedergewinnende König) die Milde vorwalten lassen muß, bis sein Thron befestigt ist. Dann aber ist er verpflichtet, das strenge Recht zu üben. Nicht deßhalb machte Schaul sich eines Vergehens schuldig, weil er dazu schwieg, als gleich nach der Königswahl ihn die Männer beleidigten. Als jedoch nach dem siegreichen Feldzuge gegen Ammon sein Thron befestigt war, da hätte er das strenge Recht walten lassen sollen. David aber, als er den Schime'i begnadigte, fügte ausdrücklich hinzu: Weiß ich denn nicht, daß ich heut erst König geworden bin über Israel? das war der Grund, weßhalb er den Lästerer des Gesalbten Gottes begnadigen durfte. In der That trug er vor seinem Tode seinem Sohne Salomo auf, jenes Verbrechen nicht ungesühnt zu lassen. Wir haben oben, dem allgemeinen Gebrauch folgend, die Worte -pv p^ mit „dem Königssohne" übersetzt, i-v p heißt aber nicht nur Königssohn, sondern auch „junger König" geradeso wie o’n'dj oa nicht nur „Prophetensöhn e", sondern meistens „junge Propheten" bedeutet. Man vergleiche die im Talmud häufig vorkommende Formel ra n^, ojn p 8-i weder ein alter bewährter Prophet, noch ein junger Prophet bin ich. In dieser Formel hätte das 8’aj p als „Prophetensohn" gar keinen Sinn, denn der Sohn eines Propheten besitzt als solcher nicht die Eigenschaft, in die Zukunft zu schauen. Dies vorausgeschickt, können wir den von unserem Midrasch angeführten Psalmvers: v'-i-8 1-v p- ■jnp’-nr ’n -jw “pusten folgendermaßen er-

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