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Der Israelit · 1889-01-17 · Heft 5 (17.1.1889) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 5 (17.1.1889)
Date
1889-01-17
Page
– (sequence 22)
Language
German
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94 an an Maß und Ruhe zu gewöhnen, den Formsinn in ihr zu entwickeln und zu kräftigen, und sie im Sprechen zum vollen und ausführlichen, nicht abrupten und pointirten Ausdrucke der Gedanken anzuhalten." (S. Jellinek, der jüd. Stamm S. 19.) Gewiß sind jedem israel. Lehrer, der schon Gelegenheit hatte, christliche Schüler zu unterrichten, Verschiedenheiten ausgefallen zwischen diesen und jüdischen Schülern betreffs der Auffassungsgabe, des Fleißes, der Beharrlichkeit, auch des Gehorsams, der Unterordnung, betreffs verschiedener sozialen, vom Hause aus verpflanzten Tugenden und Laster, die der Beachtung des Pädagogen wohl werth sind. Manche Eigenheit wird durch die Gemeinsamkeit des Schulunterrichts beseitigt, und es schicken deßhalb viele jüdische Eltern ihre Kinder in höhere Lehranstalten, um eine gebildete äußere Haltung zu erzielen. Ob dies aber auch in den Volksschulen erreicht wird, möchte ich bezweifeln; ich fürchte vielmehr, daß sich dabei manche u n j üdi s ch e Eigenheit einnistet. Ja, es ist auch durch den Besuch der simultanen gelehrten Schulen so manche altjüdische Tugend verloren gegangen, der Egoismus und Materialismus haben dem altjüdischen Wohlthätigkeitssinn, der Opferfähigkeit für religiöse Interessen, dem Gefühl der Theilnahme und der Zugehörigkeit an Israel und seine Interessen, kurzgesagt dem jüdischen ib schon manchen Verlust gebracht, und der Riß wäre noch vergrößert worden, wenn nicht die antisemitischen Bestrebungen die teutonischen Illusionen unserer gebildeten jüdischen Bevölkerung ernüchtert und zerstört hätten. Auch ist die Abschleifung des altjüdischen Erscheinens schon so weit gediehen, daß die Gemeinsamkeit des Unterrichts für diesen Zweck entbehrlich ist. Es bedarf vielmehr, daß sich der Jude der religiösen Gemeinschaft zu der er in Schicksalen, Zwecken, Aufgaben gehört, bewußt werde. Dieses Bewußtsein, das die ethische Seite unseres Nationalbegriffs ist, ist nicht allein zu ehren, sondern auch zu fördern. Der israelitische Lehrer darf aber wohl auch bei Beurtheilung dieser Zeitfrage seine m aterielle Stellung ins Auge fassen. Herr Lehrer Klingenstein sagt in derselben Arbeit, in der er der Simultanschule das Wort redet-: „Nur wenn der jüdische Lehrer zugleich Cantor, Elementar- oder Volksschullehrer ist, ist seine Lage einigermaßen leidlich, vorausgesetzt, daß er definitiv angestellt ist. Aber für die armen Religionslehrer, von denen wir denselben Bildungsgrad fordern müssen, wie von ihren besser gestellten Kollegen im Elementar-Lehramte, wenn sie ihrer Aufgabe genügen sollen und in genialer jüdischer Lehrerstand sich herausbilden soll, ist auch bis heute noch fast gar nichts geschehen. Stehen sie ja auch jetzt noch recht- und schutzlos gegenüber etwaigen Unbilligkeiten der Gemeinden und deren Vorstände. Sind sie ja auch heute noch gleich geachtet oder gleich wenig geachtet jenen Rittern von der traurigen Gestolt, die vom Osten her noch jetzt zu demselben Amte berufen werden, das den besten, den ganzen Mann erfordert." Die für eine gute Stellung des Lehrers nöthige Bedingung, die Anstellung als Elementarlehrer, ist bei der Einführung von Simultanschulen nicht erfüllbar. Findet der israelitische Lehrer Anstellung, wenn in einer Gemeinde die Schülerzahl beider Konfessionen bloß einen Lehrer nöthig macht? Es wäre von Interesse, wenn z. B. einer der badischen Herren Kollegen statistische Notizen veröffentlichen würde, ob die Zahl der israelitischen Lehrer an den Kommunalschulen der Zahl der israelitischen Schüler entspricht. Ich fürchte, daß dies nicht der Fall ist. Der Minister Falk war Gegner der Konfessionsschule und Freund der Simulmnschule. Er übte seinen Einfluß, ja sogar Druck zur Beseitigung der jüdischen Schule, und cs gelang ihm, einige Gemeinden zum Eintritt in die Simultanschulc zu bewegen. Bald aber mußten diese erfahren, daß hiermit weder die Anstellung jüdischer Lehrer, noch die Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichtes in der Schule gemeint gewesen sei. Die Lage der israelitischen Lehrer wird bloß durch Errichtung und Erhaltung israelitischer Konfession s s ch u l e n eine günstigere; nur dadurch erreichen wir, daß die staatlichen Behörden unsere Schulen und Lehrer beaufsichtigen, daß die noch in den meisten deutschen Landen üblichen, auch in Württemberg wieder vielfach eingeführten Schulwahlen, die das Interesse des Lehrerstandes schädigen, in Abgang kommen, daß jene Elemente unter diesem Stande, die sein Ansehen schädigen, nicht mehr ein Amt erhalten, für das sie weder Vorbereitung hatten, noch Qualifikation besitzen, daß nicht mehr die Salonheldcn und besten Sänger sondern die tüchtigen und charaktervollen Lehrer die besseren Stellen erhalten. Den Kämpfern für die Konfessionsschule werden hierarchische Gelüste zur Last gelegt, daß sie das Verlangen erheben, die Schule dem Staate zu entziehen, um sie in ihre Hand zu bekommen. Es ist diese Frage zu einem Streitobjekt zwischen Kirche und Staat geworden, wobei die Pädagogik einen sehr geringen Einfluß übt, die Angelegenheit vielmehr einen kirchlich-politischen Charakter annimmt. Diese Kämpfe sind aus der politischen Presse bekannt, und wenn wir

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