Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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82 nie vergeben wird, und daß gerade sie sich doppelt und dreifach lächerlich machen, wenn sie ihre gcsellschaftlichen Talente darin erschöpfen, es den „feudalen" Herren glücklich abzugucken, wie sie sich räuspern und wie sie spucken. Das Neueste auf diesem Gebiete ist eine merkwürdioe Art der Armverrenkung, die ein Handreichen na berühmten Mustern darstellen soll. Es ist eine Kleinigkeit, aber es ist überaus bezeichnend. Wenn da der eine oder andere Jüngling von unverkennbarer Echtheit orientalischer Eigenschaften aus Nützlichkeitsgründen sich der Taufe unterzogen hat, und nun glaubt, den antisemitischen Urdeutschen in serviler Gesinnung womöglich noch um einige Pferdelängen vorauseilen zu sollen, so wird damit doch weiter nichts erreicht, als die Bestätigung der Notwendigkeit, Ueberläufer mit einem geringen Maße der Achtung zu behandeln, und dieses Mindermaß der Achtung, das von der vollsten Nichtachtung nicht gor weit entfernt ist, treffen diese Ueberläufer zuerst auf Seiten ihrer neuen Bundcsbrüder an, für die der neu evangelisirte Herr Reservelieutenant oder Referendar, , dessen Vater ein ehrsamer jüdischer Kaufmann ist oder war, doch „der Jude" bleibt, trotz alledem und alledem. Diese faden, eitlen Gecken, die gerade das jüdische Ueberläuferthnm in reicher Zahl vorweist, sie bilden eine Spielart der Streblinge, die der Kulturgeschichtsschreiber um so weniger übersehen wird, als wir hier erst in den Anfängen einer Zeit - Erscheinung stehen, die bei einer längeren Dauer des gegenwärtigen Zustandes unseres öffentlichen Lebens uns noch mancherlei des Interessanten darbieten dürfte." Berlin, 13. Januar. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt unter ihren politischen Nachrichten an hervorragender Stelle: „Von c u lt u r hi st o rischem Interesse möchte gerade unter heutigen Verhältnissen auch für weiter Kreise der Jahresbericht der israelitischen Gewerbeschule zu Straßburg im Elsaß sein. Diese seit 62 Jahren-bestehende Anstalt verfolgt den Zweck, unter den bedürftigen Israeliten des Unterelsaß die Verbreitung der Handarbeit zu fördern und die jungen Leute zu tüchtigen Handwerkern heranzubilden. Wie wir der dortigen Landes-Zeitung entnehmen, betrug die Zahl der Schüler im abgelaufenen Geschäftsjahre 80. Im Lauf des Jahres wurden 22 Schüler neu ausgenommen, von denen 8 das Schneider-, 4 das Tapezier-, 3 das Lithographen-, 2 das Goldschmiede- und je 1 das Buchdrucker-, Spengler-, Bildhauer-, Buchbinder-, Photographen- und Malergewerbe erwählten. Die Jahresausgaben der Anstalt beliefen sich auf rund 17,875 M. Das Vermögen derselben besteht aus dem Anstaltsgebäude (einer Stiftung) und den verzinslich angelegten unveräußerlichen Kapitalien im Betrage von 74,479 Mark." Herr Stöcker hielt neuerdings wieder ein paar antisemitische Hetzreden, die erste handelte von „dem Bruche der Berliner Bewegung", in der zweiten wetterte der Redner gegen den Vers, der bekannten stöckerfeindlichen Brochüre, Geh. Rößler, und behauptete, cs gäbe Juden, die anständiger und gesitteter als Rößler seien. Eine antisemitische Rede mit dem Thema „der Bruch der Bewegung", das ist der Anfang vom Ende. — Das vernichtende Urtheil des Amerikaners Karl Schurz über die Antisemitenbewegung in Deutschland macht die Runde durch die deutsche Presse. Der „Reichsbote" nennt die Worte des Herrn Schurz „alberne und kurzsichtige Redensarten". — Die „Volkszeitung" bringt allen Ernstes aus Amerika eine Notiz, daß daselbst auf die Agitation von Organen der orthodoxen jüdischen Theologen die orthodoxen Israeliten theilweise beschlossen hätten, den Sabbat auf den Sonntag zu verlegen. Entweder müssen das ganze seltene Prachtexemplare von „orthodoxen jüd. Theologen" sein, oder die Nachricht ist verfrüht schon vor dem 1. April hier eingetroffen. — Mitten in dem rauschendem Treiben des Tages ist eine Meldung unbemerkt vorübergegaugen, welche für die Geschichte der Emancipation der Juden von hervorragender Bedeutung ist. König Milan von Serbien hat in der neuen Verfassung die vollständige Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen, und am letzten Sonnabend hat, wie ein Telegramm initthcilt, eine Deputation der Belgrader Gemeinde dem Fürsten in einer besonderen Audienz den Dank der serbischen Israeliten übermittelt. König Milan, sowohl wie die Exkönigin Natalie sind bekanntlich ausgesprochene Judenfreunde. Bl. Wiesbaden, 13. Januar. Heute Nachmittag hielt Herr Rabbiner Dr. Cahn in der Synagoge der isr. Religionsgesellschaft eine Gcdächtnißrede zu Ehren des Herrn Rabbiner S. R. Hirsch ^sr. Nicht nur die hiesige Religionsgesellschaft, auch viele Fremde, namentlich aus den israel. Gemeinden der Umgegend, waren erschienen und füllten das geräumige Gotteshaus bis auf den letzten Platz. Anknüpfend an einen Ausspruch unserer Weisen, daß das Hinscheiden eines Talmid Chacham ein unersetzlicher Verlust ist, entwarf der Redner ein herrliches Bild von dem großartigen Wirken des Ver-