Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 den Hinterbliebenen, um meine Nichtanwesenheit bei dem Leichenbegängnisse zu entschuldigen. „Es bedarf zwischen uns nicht mehr der gesellschaftlichen Phrasen, lieber Freund", sagte Frau von Bronnfeld und drückte mir die Hand, „lassen Sie uns von ihm schweigen. „Er ist begraben und ruhe in Frieden. „Aber ein Anderes möchte ich mit Ihnen bereden. Ich verdanke Ihnen schon soviel, daß ich es nicht scheue, noch weitere Wohlthaten von Ihnen zu erbitten." Es überkam mich ein Gefühl des Erstaunens. War das die stolze Frau von ehedem, die nun so demüthig sprach? Ich war darauf gefaßt gewesen, daß sie mir wieder als die hochgestellte Dame gegenübertrat, nachdem sich ihre Aufregung gelegt. Und nun, dieser kindliche, zutrauliche Ton, diese liebenswürdige Bescheidenheit. Der Charakter macht das Schicksal und das Schicksal den Charakter, dachte ich. Indessen braucht sie sich doch wohl nicht gerade geändert zu haben, denn Stolz auf der einen, Demuth auf der anderen Seite, pflegen Hand in Hand zu gehen. „Disponiren Sie über mich, gnädige Frau", sagte ich. „Ich möchte Sie um eine Durchsicht unseres Besitzstandes bitten", fuhr sie fort. „Ich bin in Finanzangelegenheiten überaus unerfahren, und Fritz, Sie wissen es, ist noch ein Kind. Doch unterstützen wollen wir Sie dabei, soviel es in unseren Kräften steht." „Sie überschätzen mich, gnädige Frau", entgegnete ich ihr. „Auch ich weiß mit Geldangelegenheiten nur allzuschlecht umzugehen. Sie werden sich am besten an einen Juristen wenden." „Nein, nein", fuhr sie auf, „um keinen Preis werde ich einem Fremden Einsicht in unsere Angelegenheiten lassen. Lieber Freund, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab." Ich folgte ihr in das Arbeitszimmer ihres verstorbenen Gatten und sie legte mir ein kleines Heftchen vor. Die Durchsicht war bald zu Ende, denn das Heft enthielt Nichts, als die Aufzeichnung einiger größerer Schuldbeträge, die von notorisch bekannten Wucherern vorgestreckt waren. „Dies ist nur das „Soll" gnädige Frau", frug ich, „doch wo ist das „Haben" gebucht?" Sie zuckte mit den Achseln. „Es ist kein Haben!" sagte sie. „Ich habe mir, um die Kosten eines standesgemäßen Begräbnisses, den Ankauf eines Erbgrabes zu bestreiten, und viele kleine Gläubiger, die gestern kamen, zu befriedigen, bereits die Police meines Mannes auszahlen lassen. Es waren zwanzigtausend Mark; der letzte Nest des Geldes befindet sich in jenem Schubfache, ebenso die Quittungen der Leute." Ich zählte die Summe nach; es waren nicht mehr fünftausend Mark vorhanden, doch fand ich von der gebuchten Schuldenlast etwa zwölftausend Mark gedeckt; eine etwa ebensogroße Summe war noch zu zahlen. Ich erschrak. „Haben Sie sonst keinen Besitz, vielleicht Ausstände oder Vaarvermögen, das sich bei Ihren Verwandten befindet?" „Nein", sagte sie traurig, „Nichts sonst als meinenSchmuckunddieEinrichtungunsererWohnung." Verwirrt blickte ich zu Boden. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel }U beziehen bei G. F. Sletnackrr. Leipzig« Noßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (HanptblatO: Leitende Artikel: Israels Unsterblichkeit. — Samsohn Raphael Hirsch in Mähren. — Zeitungsnachnchten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. — Italien: Rom. — Rußland: Petersburg. — Egypten: Alexandrien. — Feuilleton: Die Brieftasche des Regierungsrathes. — Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Burgpreppach. Karlsruhe. 2mal Berlin. Wiesbaden. Aus dem R.-B. Cassel. Wetzlar. Papenburg. Von der deutfchfranzös. Grenze. — Rumänien: Bukarest. — Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Darmstadt. Aus Bayern. — Oester.-Ungar. Monarchie: 2mal Wien. — Inhalt der „Bl. f. d. isr. Schule": Konsessions- oder Simultanschule. Lehrer - Konferenz - Bericht: Aus Hessen. — Briefkasten. — Büchermarkt. — Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei (Oscar Lehmann) in Mainz. Hierzu drei Beilagen.