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Der Israelit · 1889-01-17 · Heft 5 (17.1.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 5 (17.1.1889)
Date
1889-01-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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79 denn Friedrich war nur mit einem langen Schlafhemde bekleidet. „Gnädige Frau", rief ich erschreckt, „was beginnen Sie?" Statt aller Antwort stürzte sie sich zu meinen Füßen, zog ihren Sohn mit sich nieder, und umklammerte meine Knie. „Als ich au dieser Stelle um mein Leben bat", schrie sie, „war ich nicht an meinem Platz, jetzt, da ich komme, Ihnen zu danken aus übervollem Herzen, bin ich wohl am rechten Orte. O! Sie edler, edler Mensch, wie habe ich Sie verkannt! Werden Sie mir verzeihen, werden Sie mir je vergeben können?" Sie faßte nun meine rechte, Friedrich meine linke mit beiden Händen und viele heiße Küsse drückten sie auf dieselben und übergossen sie mit einer Fluth von Thränen. Ich war schier überwältigt. Meine Nerven hatten heute viel ertragen müssen, sie waren überreizt. Ohne mir eine Rechenschaft meines Thuns geben zu können, ohne zu wissen warum, stürzte ich zu den beiden auf den Boden nieder und weinte, und weinte so sehr, wie ich es seit meiner Kindheit Tagen nicht gethan. Mit meinen Armen umschlang ich den schlanken Leib meines Commilitonen, und wir streckten die glühenden Köpfe zusammen und wir jammerten und schluchzten im Vereine mit der merkwürdigen Frau so laut, daß die Klagetöne die stille Nacht durchzogen und erschreckend an die Ohren der Schläfer schlugen. Manche davon müssen auch zu der Amtsrevisorin gedrungen sein, denn entsetzt sprang diese würdige Alte aus ihrem Bette empor und hüllte ihren dürren Leib in einen vorsündfluthlichen Regenmantel; dann entzündete sie eine Stearinkerze, zog die klappernden Pantoffel über die großen Füße und also ausgerüstet sprang sie tapferen Muthes in mein Zimmer. Aber die Scene, die sich ihr hier darbot, war auch für diese heldenmüthige Frau zu dramatisch. Das Licht entsank ihren Fingern und verlöschte am Boden. „O du grund-grund-grund-gütiger Herrgottshimmel", schrie fie auf. „Aber Herr Meier, aber Frau Regierungsräthin, aber bester Junker Friedrich, ja, was machen Sie denn da?" Ja, was wir da thaten, wir wußten es selber nicht, und die Schwipke war auch so gütig gar keine Antwort zu verlangen, denn sie fuhr gleich fort. „Ja, aber Herr Friedrich, Sie werden sich ja verkühlen, ganz entsetzlich verkühlen! O, du grundgütiger Himmel und Herrgott, bei diesem Winterwetter läuft Der im bloßen Hemd in der Welt herum spazieren und macht am Ende gar in diesem Aufzug einen Besuch und dazu das Alles des Nachts um zwölf Uhr. Hilfe, Hilfe, ich geh' auf die Polizei!" Ich hatte große Mühe, die Aufgebrachte zu beruhigen, endlich aber lief sie davon und bracht eine feuerrothe, wollene Bettdecke, und als Fritz sich willig in dieselbe hüllte, kam schon etwas mehr Ruhe in ihr erregtes Gemüth. Wir erzählten ihr nun, daß Frau Bronnfeld und ich noch lange von dem Verstorbenen geredet hätten, daß dann Frau Bronnfeld einen Weinkrampf bekommen, wodurch Friedrich, gleich ihr selbst, herbeigekommen wäre. Der brave junge Mann habe, als er die Stimme feiner Mutter erkannte, sich nicht die Zeit genommen, sich anzukleiden. Frau Schwipke schüttelte den Kopf. „Nee, nee", sagte sie, „so geflennt Hab' ich dock nicht, wie mein Seeliger gestorben ist. Einen Krampf hat sie gekriegt, nee, was es heitzutage for ufjeregtc Menschen gibt, das is reine weg grenzenlos. Das macht aber nix als die Eisenbahnen." Nachdem sie solchermaßen Worte voll hoher Weisheit ausgesprochen hatte, ging sic wieder, ihren unterbrochenen Schlaf fortzusetzen. Auch Frau von Bronnfeld und ihr scharlachbemäntelter Begleiter begaben sich in ihre Behausung zurück. Ich selbst, zum Schlafen zu erregt, vollendete nun die Briefe, in welchen ich durch die Magd des Regierungsrathes gestört worden war. Als ich damit zu Stande gekommen, war der Tag da. Ich wusch mich, betete, und ging frohen Muthes und heiterer Stimmung dem Laboratoriumsgebäude zu, wo ich bei interessanter Arbeit bis zu Mittag verweilte. VII. Nach der Mahlzeit überfiel mich eine unbezwingbare Schlaflust; ich gab derselben Folge und erwachte erst am darauffolgenden Morgen wieder. Meine Wirthin erzählte mir nun, daß am vergangen Vormittage die Sektion stattgefunden, und daß die Versicherungsgesellschaft die Police bereits ausgezahlt hatte. Gegen Abend war dann das Begräbniß gewesen. Es war mir nicht unlieb, daß ich diese Ceremonie versäumt hatte, denn es hätte mir widerstanden, einem Manne Ehre zu erweisen, den ich verachtete. Ich wollte keine Trauermicne anlegen, um den Tod eines Schurken. Um die Mittagsstunde etwa begab ich mich zu

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