Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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77 teil Mannes eine der herrlichsten Gemeinwesen in Israel sich entfalten sollte! Kalter, rauher Wintersrost lag über das religiöse Wesen der deutschen Judcnheit gebreitet, der altüberlieferte Väterglaube schien den Todesschlummer zu halten: da zog mit Samson Raphael Hirsch ein weckender und belebender Frühlingshauch in die deutschen Lande, der Lenz war ang ekomm en! sEin Schlnßartikcl folgt.] Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 12. Januar. Das Leibblatt des Herrn Böckel, die „S t a a t s b ü r g e r - Z e i t n n g" bringt unter der Marke „Aufrichtigkeit eines Nabbinen" einen Leitartikel, der, oberflächlich betrachtet, als ein Hymnus auf Samson RaphaelHirsch erscheinen könnte, schließlich aber mit den bekannten antisemitischen Floskeln endet. Ankunpfend au die Worte eines der Rundschreiben des mährischen Landrabbiners: „Wahrlich, meine Brüder, was hätten wir errungen, wenn wir nun, wo wir, so Gott will, bald freie Juden sein können, aufhören wollen, Juden zu sein?" schreibt das citirtc Antisemitcnblatt: „Hierin ist doch deutlich genug ausgesprochen, welchen Zweck Hirsch als Mitglied des gesetzgebenden Körpers (in Krcmsier) verfolgte, nnd wie er die Stellung des Judenthnms aufsaßtc. Wir können einem Manne, der nicht — wie Andere seines Volkes — unter dem Deckmantel eines nie empfundenen, fremden Nationalgcfühls, sondern frei nnd offen als Jude für die Bestrebungen feines Volkes eintritt, unsere Hochachtung nicht versagen. Darin ist Wahrheit und Klarheit! Nicht die Interessen des Volkes, unter dem er zufällig lebt, sondern die Interessen feines eigenen jüdischen Volkes wurden von jedem Juden in erster Linie verfolgt, liegen jedem Juden vor allein am Herzen. Weit entfernt, den Juden hieraus einen Vorwurf zu machen, wünschen wir im Gegentheil nichts mehr, als daß von allen Juden die rein jüdischen Interessen mit gleicher Offenheit und Aufrichtigkeit vertreten würden. Nur auf diese Weise würde ein erträgliches Neben einanderleben der Juden mit den anderen Völkern zu ermöglichen sein. Die Fabel von dem Anfgehen des Judenthums in die anderen Nationen kann doch nur noch in befangenen Köpfen spucken!" Nach diesem Bekenntnisse wünscht das Antisemitenblatt eine Berücksichtigung der Eigenthnmlichferteu des jüdischen Volkscharacters bei den gesetzgeberischen Arbeiten und eine Einschränkung des „unverhältnißmäßig hohen Einflusses auf die Gestaltung unserer staatlichen Einrichtungen, damit wieder deutsches Reich im deutschen Lande unverfälscht bestehe", denn jedes Volk, auch das germanische, habe seine Sitten und seine Gesetze. Wir önnen es natürlich einem Blatte von dem Charakter! des Böckel'schen Organs nicht verdenken, wenn es nicht zu begreifen vermag, wie man als treuer Sohn seines Vaterlandes auch seinen Glauben lieben, wie man vortrefflicher Jude und zugleich ein ebenso vortrefflicher Deutscher sein könne, wohl aber darf cs Wunder nehmen, daß das Antisemitenblatt so wenig die deutsche Verfassung vom 31. Januar 1850 und den in ihr enthaltenen Satz kennt, daß das Staatsbürgerrecht der Juden vom Glaubensbekenntniß vollständig unabhängig sei. Im Uebrigen stimmen wir ja mit unserer geschätzten Collegin von der Antisemitenzunft durchaus überein: wir denken ja gar nicht daran, in anderen Völkern aufzugehen, das wäre ja Selbstmord, Feigheit, Verrats)! Israel gleicht dem Oel, welches als G l a u b e n s b c k e n n t n i ß bis zu den Tagen einer schönen Zukunft gesondert bleiben muß und wird. Das ist ja die große Aufgabe, welche wir zu erfüllen haben und erfüllen: hingebendste Treue gegen das Vaterlaild und den Landesfürsten, unterschiedlose Liebe gegen jeden Nebenmenschen; Wetteifer mit Jedermann ans dem Felde der Künste und Wissenschaften, aber unser Glauben ist uns um Nichts feil! Ja, Deutsche und Juden sind wir, Deutsche nnd Inden wollen wir bleiben! Ich wäre ja nicht werth, das Licht der Sonne zu genießen; so möchten wir mit Börne ausrufeu, „wenn ich die große Gnade, die mir Gott erzeigt, mich zugleich ein Deutscher und ein Jude werden zu lassen, mit schnödem Murren bezahlte — wegen eines Spottes, den ich immer verachtet, wegen Leiden, die ich längst verscherzt. Nein, ich weiß das unverdiente Glück zu schätzen, zugleich ein Deutscher und ein Jude zu sein, nach allen Tugenden der Deutschen streben zu können und doch keine ihrer Fehler zu theilcn." Das Antisemitenblatt wünscht eine besondere Gesetzgebung für die Juden wegen der „gefährlichen Eigenschaft derselben. Wir würden ja recht gern andere, germanische Eigenschaften annchmen, aber wie machen wir denn das? Heißt das „germanische" Eigenschaft, wenn man sich von seiner Haushälterin auf Zahlung von Alimenten für den aus intimem Verkehr mit ihr entsprossenen Sohn verklagen und sich von seiner jungen, eben erst mündig gewordenen Gattin vor Gericht vertreten läßt, wie der Schutzpatron der „Staatsbürgerzeitung"? Heißt das „germanische" Eigenschaft, wenn man sich wegen Gcwaltthätigkeiten zu 4 Monaten schweren Kerkers verurtheilen lassen muß, wie der gefeierte Liebling der „Staatsbürgerzeitung"? Heißt das „germanische" Eigenschaft, wenn man sich wegen Beleidigung, um nicht zu sagen, Der-