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Der Israelit · 1889-01-17 · Heft 5 (17.1.1889) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 5 (17.1.1889)
Date
1889-01-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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76 auch in das Dunkel der in mittelalterliche Barbarei versunkenen mährischen Lande. Mit einem Löwenmuthe kämpfend stand Hirsch an der Spitze der Freiheitsbewegung unter den Juden, ein Rundschreiben drängt das andere, eindringlich bittet er seine Brüder, Gaben auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen und Gold- und Silbergeräthe für die Bedürfnisse der Staatsverwaltung zu spenden, und mit hinreißender Beredtsamkeit verficht er die Sache seiner Glaubensgenossen als Wortführer der Juden aus dem Reichstag zu Kremsier. Am 8. Oktober 1848 (einen Tag nach dem Versöhnungstage) erläßt er jenes denkwürdige, herrliche Rundschreiben „an die ehrsamen israelitischen Gemeinden in Mähren", das uns noch heute bewegen und begeistern muß als der ewige wahre Ausdruck eines erhabenen Geistes und einer großen Seele. Das Schreiben beginnt mit den Worten: „Geliebte Brüder!" Der erste Kettenring unserer jahrhnndertlangen Schmach ist gebrochen. — Dank dem Vater im Himmel, der uns zu jeder Zeit geführt. Das in der Brust der Völker ncnerwachte Rechtsgcfnhl hat die ersten Früchte des Heiles uns gebracht. Mit an Einstimmigkeit grenzender Stimmenmehrheit haben die Abgeordneten des Volkes in der konstituirenden Reichstiersammlung die Aufhebung aller Juden steuern ausgesprochen, und froh dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, dast dasselbe Rechtsgefühl itunmchr auch bald alle anderen Fesseln und Schranken brechen werde, mit denen eine irregeleitete Vergangenbeit in Wahn und Vorurtbeil sich und uns herabgewürdigt; wir dürfen hofien, die Zeit sei nun nicht mehr ferne, wo dem Juden auch in unserem schönen Vaterlande voller, gleichberechtigter Theil an allen Pflichten und Rechten gegönnt sein werde, und wir als Menschen unter Menschen, als Bürger unter Bürgern jedem redlichen und guten Streben gleichberechtigt unsere Kräfte werden zuwenden können. Allein, geliebte Brüder, dieser so sehnsüchtig von uns herbcigewünschte Sieg der Wahrheit über die Lüge, des Rechtes über die Gewalt, des reinen Gottesbewußtseins über Voruriheil und Wahn wird uns nur dann zu Heil und Segen gereichen, wir werden uns nur dann seiner Wahrheit erfreuen können, ja, wir werden uns nur dann seiner dauernd zu erfreuen haben, wenn wir als Juden aus den Kriegen um diesen Sieg hervorgehen, wenn wir als Juden die Früchte dieses Sieges genießen wollen, wenn wir mit doppeltem Ernste, mit doppelt entschiedener Kraft uns in dieser freien Zeit die Erhaltung unserer Religion und ihrer Heiligthümer, die Vollendung aller höheren Aufgaben des Judenthums anstreben und die Heiligthümer mit innigster, lebendigster Liebe umklammern werden, für die unsere Väter und mit solch' jahrhundertlangem Elend, solch' jahrhundertlanger Schmach geduldet. Denn wahrlich, meine Brüder, mas hätten wir errungen, wenn wir nun, wo wir, so Gott will, bald freie Juden sein könnten, aufhören wollten, Juden zu sein!" Mit Gleichgiltigkeit gegen unsere Gotteslehre hätte jeder von uns schon längst auf kürzerem Wege die gleichberechtigte Stellung auf Erden erkaufen können, und es hätte nicht des jahrhundertlangen Ansharrens, des jahrhundertlangen Duldens aller Schmach und allen Elends bedurft!" Das sehr lange Rundschreiben schließt mit den Worten: „Höret auf meine Stimme, geliebte Brüder, in dieser ernsten Zeit, und Gott wird mit Heil und Segen Euch erhören! Einigkeit, Einigkeit, Einigkeit ist unsere Kraft; Entzweiung wirft uns zu Boden! Wie würden die Feinde unserer gerechten Sache jauchzen, wenn schon der erste dämmernde Freiheitsstrahl Entzweiung in unsere Gemeinden bringen würde! Wie würden sic schadenfroh mit den Fingern auf uns weisen: „Seht, ist dies Volk wohl zur Freiheit reif, kann es anders als unter Joch und Peitsche erhalren werden? Kaum wird ihm die Hoffnung aus Freiheit, e n t z w e i e n sie sich unter einander, und ihr Heiligstes geht zu Grunde! O, meine Brüder, gönnen wir unseren Feinden diesen Triumph nicht! Laßt uns Zusammenhalten! Rütteln wir nicht an dem alten Bau unseres Gemeindewesens, bevor wir den Gesetzcsboden für einen Neubau gewonnen! Wehe dem, der aus Selbstsucht und Engherzigkeit diese Pflicht mißkennt! Wehe dem, dem unser jüdisches Gesammtwesen, unsere jüdische Gesammtlehre, unsere jüdischen Gesammtheiligthümer nicht mehr gellen, als die Geldessumme, die er etwa durch selbstsüchtigen Zwist und Hader zu ersparen gedenkt! Segen allen, die im e ch t jüd i sch en Sinne den Geist des Friedens, der Einigkeil und des Gemeinsinns erhalten und mit heilbringendem Beispiel voranleuchten, „diese Verständigen werden leuchten wie der Glanz des Himmels und die Gesammtheit beim Rechten erhalten, wie die Sterne ewiglich!" Der Werth dieser herrlichen Worte sollte für uns heute noch unvergänglicher sein, als er in jenen Jahren gewesen. Denn bald erlosch wieder der erste dämmernde Freiheitsstrahl, es war das Licht von Blitzen! Der mährische Landesrabbiner harrte treu auf seinem Posten aus und suchte weiter mir dem Worte der Feder für seine Gemeinden zu wirken. Vergebens! Die Hindernisse, die Schwierigkeiten waren nicht zu überwinden: hier Zelotismus, dort Ultrareform, hier Feuer, dort Wasser, hier Siedhitze, dort Todeskälte! Als Wunder muß es erscheinen, welche Wunder Hirsch trotz allen Hemmungen gewirkt. Da ereilte ihn der Ruf 1851 von elf Privatmännern nach Frankfurt, und der kaiserliche mährische Landrabbiner säumte nicht, äußerem Glanze zu entsagen und an die Spitze eines „Vereines" zu treten. Er mochte es ahnen, daß auf mährischem Boden seine Zukunft nicht erblühen könne, es fühlen, daß er zu Höherem berufen sei, als mit dem Proßnitzer Raw und Gleichgesinnten zu hadern, es empfinden, daß seines Riesengeistes andere, höhere Aufgaben harrten. Er ging nach Frankfurt! Nicht als eine Ironie des Geschickes, nein, als eine göttliche Nemesis, als himmlische Fügung möchte man es bezeichnen, daß in demselben Frankfurt, wo sechs Jahre vorher eine Versammlung deutscher Rabbiner der Muttersprache und dem Messiasglauben den Fehdehandschuh hingeworfen, bald unter der Leitung des gottbegnade-

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