Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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75 Samson Hlaptjael Kirsch in Mähren. Von vr. Adolf Blum ent ah al. Berlin, 10. Januar. Am 30. Juni 1847wurdeSamsonRaphael Hirsch von den Rabbinen zu Boskowitz und Eibenschütz nebst dem Kreiskommissar als Landrabbiner von Mähren und Schlesien installirt. Sein Erscheinen weckte in Mähren Jubel und Begeisterung. „Wenn man“, so heißt es in einer Korrespondenz des „Orient" (4. August), „mit einem Worte den Mittelpunkt der jüdisch-mährischen Interessen bezeichnen will, so nenne men H i r s ch. Dieser Name beschäftigt jetzt ganz Mähren in allen Schichten der Gesellschaft. Greise Talmudgelehrte und junge Aufgeklärte, starre Zöglinge der Preßburger Hochschule und elastische Studenten der Prager Jeichiba, beherzte Orthodoxe und furchtsame Reformer — alles hat seine Aufmerksamkeit aus das neue Oberhaupt gerichtet. Der Gegenstand der Tisch- und Synagogengespräche bildet Hirsch. Kein Rabbiner dürfte so viel Enthusiasmus vorgesunden haben, als der mährische Landrabbiner, dessen ungeheuchelte Frömmigkeit den mährischen Gemeinden viel Bertrauen einflößt." Hofften doch die Gesetzestreuen, Hirsch werde das gesunkene und von der Reformpartei vernichtete religiöse Leben wieder aufrichten, hofften doch die Reformer, Hirsch würde den „pilpulsüchtigen Raufbolden" das Handwerk legen, Schule und Kultus umgestalten, den Gottesdienst regeln, kurz, die „Pulsschläge der Zeit berücksichtigen!" Es gehörte allerdings der Feuereifer und die nie erlahmende Energie eines Hirsch dazu, um bei diesen Gegensätzen nicht schon bei Beginn zu verzagen und zu verzweifeln. Jnr August richtete er ein Schreiben an die Rabbiner aller Gemeinden, in welchem er die Herren innig bittet, sich mit ihm „im Geiste der Wahrheit, des Rechtes und des Friedens zu vereinigen, um der gemeinsamen Heiligthümer zu warten", und eine lange Reihe von Fragen über das Schul-, Synagogen- und Armenwesen sowie über die Kranken- und Leichenpflege in jener Gemeinde zur Beantwortung an sie richtet. Vom l. September wird „aus zuverlässiger Quelle" berichtet, daß „unser neuer Landrabbiner beim Landesgubernium sich um die Bestimmungen eines Prüfungsinodns für Rabbinatskandidaten verwendet habe." Sein energisches Vorgehen in praktischen Glaubeussachen schufen ihm eine große Anzahl von Gegnern, und die anonymen Schmähungen gegen das „mährische Orakel", gegen den „Ordensgeneral", gegen den „mährischen Papst", gegen den „Hirsch ohne Hörner" beginnen. Hirsch dachte viel zu hoch von seiner erhabenen Aufgabe, als daß er sich um die Unkenrufe von hüben und drüben hätte kümmern sollen; unentwegt schritt er weiter auf der betretenen Bahn. i Im Januar 1848 erließ er an alle seine Gemein-! den ein neues Rundschreiben, welches die W ü r d i g- | keit des Gottesdienstes bezweckte undMah- , nungen enthielt, die noch heute ihr volles Recht beanspruchen dürfen. Das Rundschreiben lautet im gedrängtesten Auszuge:! I) Alle Gotteshäuser sollen stets in einem sauberen anständigen Zustande erhalten werden, damit schon das Aeußere jedenl Besuchenden beim Eintritt zurufe: hier betrittst du einen heiligen Raum, betrittst einen dem heiligsten höchsten Wesen geweihten Raum, Achtung und Ehrfurcht erfüllen dich hier. 2) Auch dein Ae n per es soll sauber und anständig sein, mit unsauberem Anzuge darf keiner das Gotteshaus betreten, mit unsauberem und zerissenem Tallis keiner sein Gebet verrichten. 3) Jeder Schritt im Gotteshaus, jede Bewegung und Regung daselbst soll von Gottesfurcht und ehrerbietiger Scheu durchdrungen sein. 4) Die Kleinen sollen durch ihre Anwesenheit die Erwachsenen nicht stören, Kinder unter 5 Jahren daher im Gotteshause nicht zugelassen werden. 5) Alles, was die eigene oder fremde Andacht stören kann, muß unterbleiben. 6) Plaudern und Geschwätz sind streng untersagt. Wer das thut, dessen Sinn ist vom Göttlichen unerfüllt und unergriffen. Er zeigt, daß ihm die Gottesnähe nichts gilt, daß sein Gemüth vom Göttlichen sich losgesagt, daß er die Anhänglichleit an Gott in sich vernichtet. 7) Aber auch das Beten soll würdig sein. Alles überlaute Singen und Beten ist unstatthaft, ebenso alles laute Mitsagen mit den Vorbetern u. s. w. Diese Bekanntmachung ist in allen Synagogen zu verlesen, eine Abschrift in der Synagoge anzuschlagen und halbjährlich wird der Obrrlandesrabbiner den Berichten der Rabbiner und Borstände entgegensehen. Gewiß ein überaus verdienstvolles Aktenstück! Doch die anonyme „Familiantenweisheit" hetzt unermüdlich weiter, und Schmiedl antwortet in einem ebenso witzigen wie zornglühenden Schreiben der feigen Spottdrossel: „Bor allem macht der Herr Anonymus Jagd auf unfern Hirsch. Bei Gott, ich bin kein Speichellecker, und so gerne ich Blätter habe, nehme ich doch nie ein Blatt vor den Mund. Ich glaube, meine offenen Briefe haben es bisher bewiesen, daß ich, ein offener Mensch, dem freien offenen Worte über alles huldige. Und so darf ich es nun unumwunden sagen: Ich habe unfern Landrabbiner einmal einen edlen Hirsch mit hohem Geweih genannt; ich nenne ihn heute nochmal so und unsere jüngsten Angelegenheiten beweisen, daß ich wahr geredet. Welcher Mähre kann es sagen, daß unser Landrabbiner jetzt nicht mit aller Umsicht, mit aller Energie und Willenskraft unsere Emanzipa tio nssache führte Was die intellektuelle Seite desselben betrifft, so glaube ich, es herrschte darüber nur eine Stimme bei uns, und die ist eine höchst günstige. Ich halte seine „Ansprache an die christlichen Brüder" für ein geistvoll schönes Wort, das in manch' christliches Herz überzeugend und nachhaltig gedrungen ist." Der März 1848 war gekommen! Die Sturmglocken der Freiheit läuteten und weckten den deutschen Michel aus seinem ehernen Schlafe, die Feuerzeichen des Menschenthums standen unverhüllt und! blutigroth am Himmel, und ihr Widerschein leuchtele