Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1889)
- Date
- 1889-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447952--27842-2475495- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lahr. Vor etwa 14 Tagen wurde ein ans Behrendt bei Danzig gebürtiger 8 Jahre alter israelitischer Knabe in das hiesige Reichswaisenhans ausgenommen. Da er der einzige Israelit der Anstalt ist, so ist nicht anzunehmen, daß für ihn daselbst bezüglich der Erziehung in der isr. Religion, sowie für rituelle Kost gesorgt sein wird. Wenn wir einerseits die Humanität der Verwaltung des Waisenhauses, deren Fürsorge auf Kinder aller Konfessionen sich erstreckt, nur lobend und anerkennend hervorheben, müssen wir andererseits um so mehr unfern ernsten Tadel über eine israelitische Gemeinde aussprechen, die sich nicht gescheut, ein ihr zuständiges Waisenkind einer christlichen Anstalt anzuvertrauen, die für die konfessionell religiöse Erziehung desselben nicht sorgen kann. Gibt es doch eine ziemliche Anzahl von jüdischen Waisenhäusern, die bei einer etwaigen Dringlichkeit den Knaben gewiß nicht zurückgewiesen hätten. S. E. Berlin, 10. Jan. Der Kaiser hat dem Konsul Wilh. S chönlank den rothenAdl erorden vierter Klasse verliehen. Der Grund dieser Auszeichnung ist in den vielfachen Schenkungen zu suchen, welche dieser Herr dem Zoologischen Garten und anderen Instituten zugewendet hat. — Der Kaiser hat den Prof. I a c o b s o h n, Direktor der inneren Abtheilung des jüdischen Krankenhauses, zum Geh. Medizi nalrath ernannt. Geheimrath Jacobsohn steht noch in engeren Beziehungen zu den Interessen seiner Glaubensgemeinschaft. — Die Nachricht der Franks. Ztg., daß der Vaterlandsretter Dr. Böckel dieser Tage von seiner ehemaligen Haushälterin Eva Hilgert auf Zahlung von Alimenten für seinen aus dem intimen Verkehr mit ihr entsprossenen Sohn angeklagt war und sich von seiner vor wenigen Wochen mündig gewordenen Gattin vor Gericht vertreten ließ, wird von der Antisemitenpresse todtgeschwiegen. Wie lang ist es her, daß Herr Böckel für die Verbrennung des „unsittlichen" Talmuds plaidirte? — Das Rabbiner- Semina r wird zu Ehren des Heimgegangenen Rabbiners S a m s o n R a p h a e l H i r sich noch vor Ablauf der ersten dreißig Trauertage eine offizielle Gedenkfeier veranstalten. — Anläßlich unseres „offenen Briefes" an Herrn Geheimrath Delitzsch find uns aus aller Herren Länder Worte liebenswürdiger Anerkennung zugegangen, für welche, soweit sie nicht schriftliche Beantwortung fanden, hiermit herzlicher Dank abgestattet sei. Unser besonderes Interesse erregte ein längeres, von lodernder Glaubenstreue durchglühtes Schreiben, das wir von Herrn Bezirksarzt Dr. Rüben Vierer in Nicopoli (Bulgarien) erhielten. Der Herr wünscht eifervoll „Judencongresse" zur Stellungnahme gegen die Judenmission und den Antisemitismus. Der Vorschlag ist weder neu noch gut. Die Judenmission ist ein Faktor, der überhaupt nicht mitzählt, und sich offiziell gegen die Angriffe einer Bewegung vertheidigen zu wollen, an deren Spitze ein Böckel steht (vgl. oben), ist mehr als überflüssig. Vorläufig gedenken wir mit der Gesellschaft auch ohne Kongreß fertig zu werden. Bl. Aus dem Rheinland. Die verehrliche Redaktion wird höflichst gebeten nachstehendem Berichte eines orthodoxen Lehrers und Kantors Raum geben zu wollen. In Nr. 1 des „Israelit" vom 2. Januar d. I las ich, daß es einer vakanten Lehrerstelle in den östlichen Provinzen völlig an Bewerbern mangelt, gleichzeitig wurde event. sich dennoch findenden Interessenten die Weisung gegeben, sich an die staatliche Schulbehörde zu wenden. Als ich dieses las, wurde in nur der aufrichtige Wunsch rege, daß doch alle ftellesuchenden Lehrer und Kantoren nur mit staatlichen Behörden zu unterhandeln hätten und dadurch vor vielem Geldverlust und vielen! Aerger bewahrt werden möchten. Hier bei uns und auch in den benachbarten Provinzen, vergibt der Synagogenvorstand die vakanten Stellen und sucht mancherorts ein Vergnügen darin, recht viele Bewerber zur Probe kommen zu lassen. Mir ist unter andern ein Fall aus der Provinz Hessen (in Thüringen treibt man's ebenso) bekannt, wo ein Synagogenvorstand sich nicht entblödete, von 70 Bewerbern die volle Hälfte, sage und schreibe 35 Mann succesive zur Probe zu befehlen! Jene Glaubensgenossen wissen doch recht gut, daß dem Lehrerftande außer seinen ideal-religiösen Vorzügen, meist recht wenig an Geld und Gut gehört, und wenn 35 dieser leider armen Beamten aus aller Welt für ihr theures Geld hergrreist kommen, um dann einfach heimgeschickt zu werden, so wird der arme Lehrerstand dadurch um eine hohe Summe geschädigt und die verehrliche Gemeinde spart, so lange die Probevorträge dauern, ihr Lehrergehalt, während sie sich höchlich an den verschiedenartigen Vorträgen ergötzt. Das ist ein Uebelftand, dem abzuhelfen eine dringende Pflicht redlich denkender Israeliten wäre. I. M. in M. 8. Frankfurt a. M. Wir machen das Publikum hiermit auf das im hiesigen Verlage von I. Kauffmann erschienene wohlgelungene Bild des verstorbenen Rabbiner Samson Raphael Hirsch >87 aufmerksam. Das Bild ist die Wieder-