Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1889)
- Date
- 1889-01-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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6 zur Nachahmung vorschweben, des Mannes, der den Namen Israel so hoch zn Ehren brachte. Der Redner schloß mit einem sehr ergreifenden innigen Gebete, das Viele zu Thränen rührte. Es ist interessant zu wissen, daß die heilige Gesetzrolle, die der Herr Rabbiner während der Umgänge in feinen Armen trug, dieselbe war, die den genannten großen Philanthropen auf seinen vielen im Interesse seiner leidenden Glaubensbrüder unternommenen Reisen begleitete. — Unmittelbar nach dem Einweihungsakte wurde von Herrn Dr. Adler '"j eine Trauung in der Synagoge vollzogen und beschenkte letzterer das Brautpaar, nach der üblichen Landessitte, mit einem prachtvollen Gebetbuche, sowie er der Gemeinde eine schöne n“D bm t aus Olivenholz von Jerusalem präsentirte. — So schloß die erhebende Feier, die noch lange einen Nachhall in den Herzen der Zuhörer finden und in den Annalen der Gemeinde denkwürdig bleiben wird. Portfea Es besteht hierein jüdischer Wohlthätigkeitsverein pb: na'tt'D rrcn für hier wohnende arme Israeliten. Der Verein wurde im I. 1804 (5564) gegründet und besteht demnach beinahe 85 Jahre. Unser allverehrter Herr Oberrabbiner Dr. Nathan Adler '"5 nebst zwei anderen Herren sind die „Patrons" desselben. Wie aus dem soeben erschienenen Jahresbericht hervorgeht, besitzt der Verein ein Vermögen von L. 1240 Pfund Sterling (24820 Mark) und vertheilt alljährlich eine nicht unbeträchtliche Summe an verdiente Arme. Fast jedes Jahr findet ein Festessen zum Besten des Vereines statt, wobei Spenden für denselben gemacht werden. Es ist bemerkenswenh, daß auch mehrere Christen zu den Mitgliedern desselben gehören und an dem Festessen Thcil nehmen." Ale Brieftasche des Pegiermgsratlies. Eine Geschichte aus der Zeit der antisemitischen Hochsluth. Von L. Meier. (Fortsetzung.) IV. Sechs Wochen sind bei dem eben Erzählten verstrichen. Mein Zimmer bei Frau Schwipke habe ich behalten und sie bewahrt mir gegenüber die tiefste Devotion, die man von einer Dienerin verlangen kann. Sonst aber habe ich meinen Vorsatz ausgeführt. Nicht einmal Zorrens habe ich seit jenem Vorfälle wieder aufgesucht, dagegen konnte man mich täglich in der Gypsstraße im Hause des Seminars aus- und eingehen sehen. Ich lernte mehrere jüdische Studenten kennen, die mir sehr gefielen, und denen ich bald Freund wurde. Im Allgemeinen aber lebte ich sehr zurückgezogen und verbrachte die langen Winterabende meistens bei meinen lieben Bücherrt. Angenehmere Gesellschafter als diese lassen sich gar nicht finden; sie sind stets bereit, uns mitzutheilen, was sie wissen und nehmen es niemals übel, wenn man für ihre Unterhaltung sich nicht gelaunt findet und sie in die Ecke schiebt. Ich hatte heute nach dem Laboratorium allein einen Spaziergang gemacht und wie freute ich mich dabei schon auf den Frieden meiner Klause. Als ich mit einem kleinen Schlüssel die Vorthüre meiner Wohnung öffnete, ging Herr Schaal gerade fort. Er grüßte mich, wie stets, höflich, doch fremd. Meine Wirthin trat mir entgegen und frug, ob ich etwas für den Abend befehle, denn sie wolle, gleich Herrn Schaal, nach dem „Cirkuse" gehen. Ich wünschte ihr einen frohen Abend und entließ sie. Es war Mittwoch, der Abend, an dem ich meine Briefe zu schreiben pflege, und ich schrieb an meine lieben Eltern und träumte mich zu ihnen und dachte, wie schön es jetzt wäre, bei ihnen zu sein und mit nleinem teuren Vater mich zu unterreden. Schrille Laute störten mich; es wurde draußen heftig die Klingel gezogen. Ich öffnete und sah in der Dunkelheit nichts, als eine weiße Schürze, die sich hin und her bewegte, woraus ich den Schluß zog, daß auch die Besitzerin derselben wankte. „Herr Schaal, Herr Schaal!" krächzte nun eine Frauenstimme, die ich sofort als die der Magd des Regierungsraths gehörig, classificirte. „Herr Schaal ist ausgegangen", berichtete ich ihr. „O Gott! 0 Gott! 0 Gott! Und die Frau Oberamtsrevisorin?" „Ebenfalls." „O, Du grundgütiger Himmel, Du! O, Du lieber, lieber Herrgott!" „So reden Sie doch! Mas ist Ihnen widerfahren?" rief ich beunruhigt. „Nein — das ist zu entsetzlich! O, Du lieber Gott, der arme, gnädige Herr, ach Du guter Gott —"