Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1889)
- Date
- 1889-01-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Ich lief an dem Mädchen vorüber, die Treppe hinab, und durch die offenen Thüren in das Wohnzimmer der Bronnselds. — Da lag der Regierungsrath, regungslos, mit geschloffenen Augen, von einem Armstuhle halb herabgesunken; ein offenes Buch lag auf dem Boden. Ich riß die Fenster auf — kein Mensch war drunten zu scheu. „Helfen Sie mir!" donnerte ich der jammernden Dienerin und wir legten den Ohnmächtigen langgestreckt auf den Boden; ich schob zwei Sophakiffcn, sowie was ich sonst herbeibringen konnte, ihm unter Kopf und Rücken, so daß der Oberkörper möglichst hoch zu liegen kam. „Wasser!" schrie ich dann und riß ihm die Kleider vom Oberkörper; Hemd und Unterjacke zerschnitt ich mit meinem Taschenmesser und legte ihm die Kleidungsstücke auf die Füße. Ich besprengte ihm Gesicht und Brust mit dem kalten Wasser, zog die Zunge des Scheintodten nach vorn, und ließ sie vor den Lippen fefthalten. Dann trat ich hinter seinen Kopf, faßte beide Arme dicht über den Ellenbogen, zog sie daun sanft, doch straff in die Höhe bis hinter den Kopf, wo ich sie, während seine Dienerin ihm mit der freien Hand mit nassen Tüchern heftig Brust und Leib reiben mußte, 2 Secunden lange hielt. Daun führte ich die Arme wieder abwärts und drückte sie behutsam, aber fest gegen die Seiten der Brust; wohl zehnmal mochte ich dies wiederholt haben, als ich eigene Bewegung des Kranken wahrnahm. Gottlob, er athmete wieder, ich hörte es deutlich. Ich schnitt mir eiligst eine Locke ab und ließ sie dicht vor ihm verbrennen, während ich die Athmungsbewegungen langsam fortsetzte. „Nun schnell zu einem Arzte!" rief ich und die Magd eilte davon. Es gelang mir. dem Verunglückten einige Tropfen Wasser einzuflößen. Bronnfeld öffnete die Augen ein wenig. „Mein Kind, mein Fritz", lispelte er mit schwacher Simme, „ich — sterbe." „Ruhe, Herr Regierungsrath", sagte ich leise, doch fest, „Sie sind gerettet, doch wird Ihnen Aufregung sehr schädlich sein." Er bewegte den Kopf. „Zu Ende", sagte er matt. Die zitternden Hände tasteten an seine nackte Brust. „Rock" stöhnte er. Ich reichte ihm das Gewünschte. Die bebenden Finger suchten umher; er entnahm der Brusttasche ein Portefeuille und reichte es mir. „Die Briefe verbrennen!" bat er. Ich zauderte einen Moment. „Herr von Bronnfeld", sagte ich flehentlich, „ich bitte Sie nur keine Erregung. Reden Sie nicht." Er schlug die Augen ganz auf. „Bitte, bitte", rief er mit Aufgebot aller seiner Kräfte, „schwöre mir, die Briefe zu verbrennen, nimm die Tasche." „Ich bin nicht Friedrich, Ihr Sohn, Herr von Bronnfeld, sondern der Meier aus der oberen Etage, bitte, beruhigen Sie sich. Fritz kömmt bald." Der Regierungsrath richtete sich ein wenig empor, die Augäpfel quollen aus ihren Höhlungen, die Pupillen verdrehten sich. „Nimm!" schrie er mich mit schrecklicher Stimme an. Mechanisch griff ich nach dem Portefeuille; Widerstand wäre hier Verbrechen gewesen. „Schwöre diese Briefe zu verbrennen," rief der Negierungsrath wieder. „Ich schwöre!" entgcgnete ich. „Bei Deinem Leben und bei Deiner Ehre!" fuhr er mit heiserer Stimme fort. „Bei meinem Leben und bei meiner Ehre!" sagte ich ihm nach. Er sank zurück, doch die Augen schloffen sich nicht wieder. Sie nahmen einen starren Ausdruck an. Ich ließ die kleine Mappe schnell in meine Tasche gleiten und sprang wieder hinter ihn. Eilig begann ich mit den Athmungsbewegungen wieder. Umsonst, der starre Ausdruck wich nicht, das Auge war gebrochen! — Endlich, endlich, da kam ein Arzt. Der Medeciner zog ein Rohr aus der Tasche und setzte es auf die Brust des Daliegenden, er schüttelte den Kopf und befühlte die Hornhaut des Auges. „Hier bin ich überflüssig", sagte er zu mir und wandte'sich zum Gehen. „Bester Herr Doctor, bleiben Sie noch", bat ich. Ein zweiter Arzt erschien und eonstatirte ebenfalls den Tod jenes Mannes. „Wir sind hier leider zwecklos! Und Hausarzt ist hier keiner von uns", sagten die Herren geschäftsmäßig, und gingen, ungeachtet meiner Bitte davon. Ich sandte das Mädchen zu seiner Herrin, die sich in Gesellschaft befand, und trug^ihm auf, noch nicht von dem Vorgefallenen zu reden.