Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1882)
- Date
- 1882-12-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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XXIIL Jahrgang. Erste SeUage;n Nr. 31 des Israelit. Leitender Artikel. Un den Strömen Iabylons. (Zum 10. Teweth.) Von Rabbiner Dr. Ehrmann. (Schluß.) Ihren Häschern mußte dieser wehmüthige Ernst unbegreiflich erscheinen. Warum sollte den mit allen Bürgerrechten ausgestatteten Exulanten nicht der majestätische Euphrat ihren Jordan und das stolze Babylon ihr verwüstetes Zion ersetzen können? Aber sie achteten den Schmerz, den sie nicht begriffen. Sie forderten nicht enthusiastische Begeisterung für die neuer; Zustände, sie verlangten nur ihre Anerkennung nicht durch Lieder, sondern nur durch Liedes-Worte. Aber unsre Räuber forderten Freude! Nicht Babylon hatte Jerusalem zerstört und über seine Söhne die Verbannung verhängt, der Abfall, die Gottentfremdung der pflichtvergessenen Großen und Führer Israels hatten ihm seinen Untergang bereitet. Babylon war nur ’sbd das Zerstörungswerkzeug in Gottes Hand, seine kriegsgeübten Schaaren waren nur wiw, ,, unsre Kerkermeister," aber unsre eigentlichen Zertrümmerer, die wahren Räuber unsres Heils, die lebten in unsrer eignen Mitte, es sind „die Räuber" unsres Liedes. So wunderbar der Umschwung auch war., den das babylonische Exil auf die Denk-und Handlungsweise der Exilirten ausübte, so ist doch andrerseits geschichtlich constatirt, daß es damals wie zu jeder Zeit auch nicht an Elementen fehlte, an denen die erschütternden Katastrophen ihres Volkes mehr oder weniger spurlos vorübergingen. Diese Elemente, die schon im Heimathlande sehnsüchtig nach der fremden, heidnischen Lebensweise ausschauten, hatten jetzt das Ziel ihrer Wünsche erreicht, sie assimilirten sich mit ihrer nichtjüdischen Umgebung, vertraten deren Rechte viel eifersüchtiger als diese selbst, höhnten die in ihrer sang- und freudlosen Jsolirung verharrenden Brüder als Rebellen und Vaterlandsverräther, forderten freudiges Preisgeben ihrer jüdischen Eigenthümlichkeit und verlangten, sich mit ihren eigenen Häschern identificirend: Singet uns und unsren Zuständen das Lied, das ihr sonst in und für Zion sänget! Aber sie verstanden sich schlecht, die treuen Zionssänger auf das *1^ n»r, auf ein Lied, mit dem sie sich die Gunst ihrer Häscher und so sich selber sociale Vortheile ersingen sollten. Ein um Menschengunst buhlendes Lied hatten sie nie geübt, ihr Zionslied war kein Menschen-, es war ein Gotteslied. In den Dienst eigennütziger Interessen hatten sie ihr Lied nie gestellt, es war dem höchsten Heiligthum geweiht, es konnte nur auf sp-np ddin dem Boden dieses Heiligthums gesungen und gewürdigt werden, und sie sollten mit dem Gott allein geweihten Lied den Boden, der nur Fremdes, Unjüdisches trägt, besingen??!-oj noiN 7>p 'n -pp n« -pten *]»« Diese Haltung ihrer Häscher und Räuber erklärt auch den Umstand, daß die Thräne der verstummten Sänger an den Strömen Babylons nur dem Gedächtniß Zions, nicht aber auch demjenigen Jerusalems floß. Die Sehnsucht nach Zion, dem geistigen Hort ihres Denkens und Fühlens, konnten die Trauernden ihren Zwingherren gegenüber noch rechtfertigen, ohne sich politisch zu verdächtigen, aber die Wiedererstehung der Metropole ihres eroberten Heimathlandes zu erhoffen, hätte ihre lauernde Umgebung als offenen Aufruhr gegen die neue Ordnung der Dinge zur Rechenschaft ziehen müssen. Ihre Häscher konnten ja kein Verständniß von der Bedeutung haben, die Jerusalem für seine in der Verbannung schmachtenden Söhne nicht als politischer Factor, sondern als die Stadt besitzt, die sich um das Zionsheiligthum schaart, um in ihrer Mitte jenen Geist der Gotteshuldigung zur lebendigen That zu gestalten, den Tempel und Altar für die vielgestaltigen Buchungen des täglichen Lebens ausstrahlen. Zion und Jeruschalajim stehen in demselben Verhältniß wie der Geist zu dem es in bestimmte Form fassenden Wort. „Von Zion geht die Thora aus, und das Wort Gottes von Jeruschalajim." Unser Lied zeichnet dieses Verhältniß in prägnanter Weise, indem es Zion mit dem Haupte, und Jerusalem mit der von diesem Haupt geleiteten rechten Hand vergleicht. Nicht hat sein Sänger Jerusalem vergessen, aber die Zunge ist ihm gefesselt, sie klebt am Gaumen, wenn er seiner nicht erwähnte, wenn er die darin zum Ausdruck gelangende That eines Gott dienenden Lebens und Strebens nicht noch höher stellte, als den dem Zions-Haupte entströmenden