Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1882)
- Date
- 1882-12-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447946--19339-2475411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1268 Lohne aus. Der Geberin sagte er keinen Dank; ihrem Begleiter aber empfahl er sich mit einer demüthigen Kniebeugung, indem er sich erbat, an der Thür Wache zu halten, wenn es Seiner Excellenz belieben sollte, in die Katakomben hinabzusteigen. Der vornehme Herr, den Dinah hier so ganz zufällig zum Begleiter bekam, war der Graf Fernando Carlaga, einer der reichsten und angesehensten Cavaliere von'Neapel. So betraten denn die sechs Personen die Grüfte. Der Graf erzählte, was man von der Entstehung der Katakomben wußte und vermuthete, langsam vorwärts schreitend und genau aufhorchend, ob man nicht irgendwo einen Ruf nach Rettung vernehme. Plötzlich stand Paltiel still. „Dort schreit Jemand," rief er, „dort rechts her." Die Führer wiederholten den Ruf und eilten schneller vorwärts. Aber die Gänge liefen gerade hier in solcher Verworrenheit durcheinander, daß es schwer war, eine sichere Richtung zu verfolgen. Daher geschah es denn, daß sie sich gleich zuerst von ihrem Ziele entfernten, als sie sich ihm zu näheren glaubten. Die gewisse Hoffnung aber, ihre Absicht zu erreichen, schärfte ihre Aufmerksamkeit und beflügelte ihre Schritte. Der Graf war immer voraus. Er hatte eine Fackel genommen, und er war es, der zuerst die Gesuchten erblickte, die ihm durch den Qualm der Fackeln hindurch wie Schatten der- Unterwelt erschienen. „Gott sei gelobt," rief er aus, „hier sind sie." „Ja, hier sind wir Alle," erwiderte Gennaro den Ruf. Paltiel drängte sich hinzu und leuchtete mit seiner Fackel den Damen ins Gesicht. „Erbarm es Gott!" rief er aus, „die Eine ist todt." In der That lag Geraldine, einer Leiche ähnlich, in den Armen ihrer Gefährtin, die blaß und athemlos über ihr hing und bei dem neuen Schrecken die frühere Angst fast vergaß. Verstummt standen die zur Rettung Gekommenen vor der Gruppe. „Wer Ihr auch seid," sagte Louise, „die uns Gott als rettende Engel sendet, für diese da kommt Ihr zu spät. Die Freude hat sie getödtet, und der schnelle Wechsel ihrer Empfindungen. Sie wollte hier mit dem Tode spielen, und nun hat er sie in seine Arme genommen." „„Es ist keineswegs gewiß, daß sie tobt ist,"" sagte Dinah und legte die Hand auf ihr Herz. „„Hier ist noch ein Rest von Wärme. Laßt sie uns schnell von hinnen bringen! Diese Grabeslust ist nicht gut. Im Freien wird sie wieder zu sich kommen." " Bei diesen Worten machte sie Anstalt, Geraldine aufzuheben. Jeder half dabei. Die Führer bemächtigten sich ihrer und trugen sie. Die Andern eilten mit Fackeln voraus. Dinah unterstützte Louise, die sich nur mit Mühe auf ihren zitternden Knieen hielt, und hörte von ihr den Verlauf der Sache und die Größe ihrer Hoffnungslosigkeit. Der Dank wurde nicht gespart. Nach Verlauf einer halben Stunde langte der Aug in der Kirche del Pianto an, wo der Meßner ihrer wartete, und der Erblaßten mit großer Geschäftigkeit auf einer Bank des Chors ein Lager bereitete. Alles war um sie bemüht. Louise unterstützte sie; der Meßner besprengte sie mit Weihwasser, der Graf hielt ihr ungebrannte Federn vor., Nach kurzer Zeit schlug sie die Augen auf. „Wo bin ich?" fragte sie, indem sie bewußtlose Blicke umherwarf. „Lebe ich noch, oder bin ich dem Tode anheimgefallend" „„Sie leben, Lady Kingston,"" sagte der Graf, der den Augenblick ihres Erwachens mit Ungeduld erwartet hatte, „„das Leben hat dem Tode seine kostbarste Beute abgerungen, und ich schätze mich glücklich, Zeuge dieses frohen Sieges zu sein."" Geraldinen's Blicke sielen jetzt auf den stattlichen Mann, wendeten sich aber zugleich wieder von ihm ab, und sich zu der Malerin kehrend, fragte sie: „Wie bin ich hierhergekommen?" Die Malerin sagte, was sie wußte. „Diese wackern Leute hier sind uns zu Hilfe gekommen. Welch ein gütiges Geschick sie uns zugesendet, weiß ich nicht. Aber sie haben uns von dem schmählichsten Tode gerettet." Geraldine schauderte zusammen. Die Schrecknisse der Gruft traten ihr jetzt von Neuem vor die Seele. Dann hob sie die Augen und Hände zum Himmel und sagte: „Gott sei gedankt, der Erbarmen mit mir gehabt, und einer vermessenen Frevlerin Retter geschickt. Sind Sie es, Herr Graf, dem ich meine Rettung verdanke?" „ „Mein Glück," " antwortete der Graf, „ „wäre allzugroß, wenn ich hiezu erkoren gewesen. Meine Gegenwart ist ganz zufällig. Diese Jungfrau allein hat Anspruch auf Ihren Dank; ihr allein ist das Loos zu Theil geworden, ein so edles Leben zu retten." " Bei diesen Worten, faßte er Dinars Hand, die seitwärts in der Dunkelheit gestanden hatte, und führte die Jungfrau zu Geraldine. „So hat Gott einen seiner Engel gesendet!" rief diese aus. (Fortsetzung folgt.) Hierzu fünf Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „JLraelit* große Bleiche 45. I. tSottS leben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger). \