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Der Israelit · 1882-12-20 · Heft 51 (20.12.1882) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 51 (20.12.1882)
Date
1882-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1265 götzen allein ohne Rückhalt dienen, so wäre Stöcker am anderen Tage für unser Volk nebst Parlament ein geistig todter Mann; mit vollem Recht hob der Abgeordnete Richter hervor, nicht arme Sozialisten, sondern Herr Stöcker müsse aus ge wiesen werden. Auf den preußischen Hosprediger Passe der Paragraph des Sozialistengesetzes, der von Störung des öffentlichen Friedens und der Eintracht der Bevölkerung spreche. Allerdings sind wir mit dem Führer der Fortschrittspartei darin nicht einer Meinung, daß selbst, wenn die Entfernung möglich wäxe, Stöcker in Berlin bleiben müsse, um die liberale Sache durch seine Angriffsmethode fester zu kitten. Uns liegt nicht viel daran, daß durch die Antisemiterei viele abgesallene Namenjuden zu unserem Feldlager zurückgekehrt sind, — wir halten die Standarte der Religion hoch und dieser schadet der Hofprediger hüben und drüben. In einem Punkte wurde der Mann auch heute wieder entlarvt. Stöcker mußte zugeben, mit den von ihm so geschmähten Führer der Sozialisten, mit Bebel und Hasenklever vor der Berliner Stichwahl intime Unterhandlungen gehabt zu haben Stöcker, dem die Tragweite seiner politischen Handlungen nicht klar, der das Verhältnis zwischen seinen Mitteln und dem vermeintlich angestrebten Zweck nicht kennt, nannte diesen Verhandlungstag den schönsten Abend seines Lebens. An donnerndem Pathos über die kaiserliche Botschaft des vorigen Jahres, über die neu ausgekommene Staatsidee, fehlte es natürlich nicht, obwohl dadurch heute der Fanatiker seinen Fanatismus verbarg. Die Konservativen klatschten Beifall. An und für sich war die Verhandlung ohne tiefere Bedeutung Bei der nach Weihnachten bevorstehenden Debatte zur Börsensteuer Werder die Gegensätze wahrscheinlich heftiger auseinanderplatzen. Tiefe Risse gehen durch unser Staatsleben, und nicht bloß Herrn Stöcker erfüllt das Zunehmen des Materialismus und Atheismus mit Besorgniß. Eine ganze Klasse der Bevölkerung steht unter dem Druck eines Ausnahmegesetzes. Solch' ein Gesetz kann und könnte auch einmal gegen die Juden gegeben werden. Ja, wir behaupten, die Verhetzung der einzelnen Klassen der Gesellschaft durch Kulturkampf- und Ausnahmegesetze wird stets für uns die schlimmsten Folgen haben. Es sieht böse aus in den unteren Schichten unseres Volkslebens und die oberen sind z. Th. übersättigt und charakterlos. Sie sind es in der That, die zuerst dem Volke die Religion rauben und sich dann wundern, wenn die blinden Massen nach Revolution schreien. Die heutige Socialdemokratie ist noch nicht so gefährlich, aber die beginnende Zersetzung in allen Kreisen. Auch bei uns Juden. Die Augen auf, das ist unsere Parole und mit dieser will ich Ihnen öfters auch von der Polittk schreiben, dem mächtigsten Hebel der modernen Entwickelung. Namentlich sei regelmäßig erwähnt, wenn, wre das so vorkommt, sich jüdische Abgeordnete von jüdischen Grundsätzen entfernen, um dem Götzen der Macht zu dienen, wenn sie den modernen Größenwahn mitmachen und zu allen Angriffen über das Judenthum sich ausschweigen. Berlin, im Dezember. Hier ist augenblicklich durch die Versicherungsgesellschaft Viktoria die Frage der Gemeindebeamtenversicherung in Fluß gebracht. Der Paragraph 8 des von dieser Gesellschaft herausgegebenen Prospektes lautet: „Die Lebensversicherung dient zur Sicherung eines sorgenfreien Lebensabends für Personen jedes Standes und jeder Lage." Es giebt nun in der That kaum einen Stand, in dem bei vorgerücktem dienstunfähigen Alter der Einzelne den Wechselfällen des Lebens schutzloser preisgegeben ist, als den der jüdischen Gemeindebeamten namentlich in Norddeutschland. Da der Staat sich dort um die jüdischen Beamten nicht kümmert, da die Besoldungen gering sind und infolge des dort grassirenden Jndifferentismus (wir müssen es leider wieder aussprechen, was oft schon angedeutet worden ist) der jüdische Beamte im Alter oft eine Art nutzloses Möbel ist, das mitleidslos bei Seite gestellt wird, kommen die jüdischen Beamten dort im Alter oft in eine schlimme Lage. Und es ist nicht einmal die schlimmste, wenn das private Rachmonus noch so rege ist, daß es sich ihrer annimmt. Wir glauben aber leider die Erfahrmn zu machen, daß im Norden und Osten Deutschlands den jüdischen Beamten gegenüber oft auch das Rachmonus aufhört. Wir sind nicht Gemeindebeamter, aber wir können Fälle von Kündigungen erzählen, die -unsere kurze Kennzeichnung der Lage alternder Gemeindebeamten als nicht zu schroff erscheinen lassen. Darum müßte eine energische Regelung der Beamten^ pensionsfrage sich den Dank jedes warm fühlenden Jehudi im Sturme erobern. Lange wartete man bereits darauf, daß der d. I Gemeindebund, der neben vielen anderen schönen Dingen diese Frage in seinem Statut hat, mit einer energischen That hervortreten werde. Allein das wechselnde Koulissenspiel, das der Gemeindebund mit vollem Bewußtsein seinen Abonnenten vorführte — heute Religionsuuterrichlsfrage; morgen Handwerkerausbildung, hier statistische Fragebogen, dort Hebung der „jüdischen Volksbildung" u. f. w. u. s. w., - ließ die Sache nicht reifen. Die Viktoria unterhandelte in Leipzig 3 Jahre lang. Nun wurde der Sitz des „Bundes" nach Berlin verlegt. Wieder begann man mit einer stattlichen Reihe papierner Thaten. Die ganzen Einkünfte des Bundes schienen auf Druck von Cirkularen und

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