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Der Israelit · 1882-12-20 · Heft 51 (20.12.1882) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 51 (20.12.1882)
Date
1882-12-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1264 losen Hetzen und Verfolgungen waren die Juden Rußlands in den letzten. Jahrhunderten infolge der unduldsamsten und engherzigsten Staatsweisheit preisgegeben. Vom Lande hat man sie in die Städte, — wir erinnern an den Ukas betreffs Entfernung von der Grenze, — von den Städten auf das Land, von einem Gouvernement ins andere getrieben und ihnen niemals Ruhe gegönnt. Die Krone preßte dem russischen Volke durch das Branntweinmonopol Millionen und Millionen von Rubeln ab und redete jetzt dem Volke ein, an der Spirituskrankheit seien die Juden schuld. Planmäßig wurde zum religiösen Haß des Volkes gegen die Inden der soziale gefügt. Obwohl wir berücksichtigen werden, daß Jgnatiew einstweilen gegangen und daß in letzter Stunde die russische Regierung gegen die Judenhetzen Stellung genommen — und werden wir da zu erwägen haben, ob da bei einer bevorstehenden radicalen Lösung das deutsche Judenthum nicht so viel als möglich für seine Brüder wird retten müssen. Erst, nachdem die ganze civilisirte Welt das russische Verfahren gebrandmarkt, nachdem die wirtschaftlichen Folgen der grauenhaften Hetze in gefährlichster Weise für den ohnehin erschütterten Staat sich eingestellt, nachdem die christlichen Russen ihren Kredit gesunken gesehen — hat Rußland aus Klugheitsrücksichten Einhalt gethan. Konnte man vorher in übermäßiger Weise vielleicht an eine Mitschuld der Juden, an ihr angebliches nichtsthuendes Aussaugen glauben (und ist in der That im Einzelnen noch von Mancherlei zu reden) so hat sich gerade im vorigen Jahre der Werth der Juden für die christlich-russischen Handels- und Jndustriekreise gezeigt. Das ganze Streben des der Leibeigenschaft entstiegenen Russen ist darauf gespannt, aus irgend eine Weise Geld zu verdienen. Die Art, wie das geschieht, liegt in den nationalen Zuständen des Landes. Das Streben ist jedenfalls noch kein Verbrechen. Wenn es aber die Juden thun, wenn sie mit erbarmenswerter Zähigkeit gegen die schwierigsten Lebensverhältnisse ankämpfen, wenn sic mit eiserner Mühe darauf sinnen und trachten, sich dem Elende zu entreißen - ja Jude das ist ganz was Anderes Das ist das Exploitiren dieser Parasitenrasse. Das Elend des jüdischen Handwerkers in Rußland ist dabei ein ewig dauerndes bei der gewaltigen Koncurrenz. Der Russe hält diese zähe Arbeit nicht lange aus. Der Russe kann, wenn er will, von einem Gouvernement in das andere. Aber, der Jude — ja das ist ganz was Anderes. Und Herr von Brüggen findet bei allem Kokettiren mit liberaler Humanität für Rußland das ganz in Ordnung. Er sagt selbst auf Seite 4: Drei bis vier Millionen sind für ihren Aufenthalt aus 15 Gubernien, einem verhältnißmäßigen kleinen Theile des russischen Reiches angewiesen, mit Ansnahme gewisser Privilegirter, die zu verschiedenen Zeiten und unter wechselnden Bedingungen im inneren Rußland Einlaß fanden. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 14. Dez. Soeben komme ich aus dem Reichstage und habe die jüngste Rede Stöcker's gehört. Selten ist im Reichstage eine Rede langweiliger und inhaltsloser gewesen; denn Herr Hofprediger Stöcker beherrscht nur ein Dhema in pikanter Weise und das ist die „Judenfrage". Diese „Frage" aber darf und soll, nach der Dresdener Congreßparole, von den Führern jetzt an autoritativer Stelle einstweilen nicht berührt werden. Stöcker sprach heute mehr von der Magenftage . . . . .: „Wir Alten haben uns mehr als recht Mit Idealen herumgeschlagen. Dafür reitet dies junge Geschlecht Doch gar zu sehr auf dem Magen." santz der jüngst verstorbene Kinkel, der Herrn Stöcker, wenn er ihn überhaupt für zurechnungsfähig hielt, wohl auch zu den Jungen gezählt hätte, denn der Führer des Christlich-Sozialen feierte jüngst au der Seite Krem er's und Professor Wagner's seinen 48. Geburtstag inmitten seiner rischußhungrigen Getreuen. In der heuttgen Reichstagssitzung sprach Stöcker von der Stellung seiner Cyristlich-Socialen zur Sozialdemokratie und erwähnte nur so nebenbei jene Mächte der linken Parteien, die den Atheismus geschaffen. Die allgemeinsten und inhaltslosesten Redewendungen, Citatc und ein wüthendes Pathos, — so spricht Stöcker. Nichts darf weniger dogmatisch und abstrakt aufgefast werden als soziale Fragen. Und gerade dem agitatorischen Hofprediger merkt man es an, wie schwer es ihm geworden, sich überhaupt erst zu einer einigermaßen realen und leibhaftigen Auffassung dieser ökonomischen Fragen hindurch zu arbeiten, — von der theologischen Welt zur Magenfrage. Ein Abstraktum vermag Stöcker in allgemeinen Phrasen so zu schildern, daß man ihm zuhört und das ist die Judenheit, schon aus dem Grunde, weil hiervon auch die Zuhörer nichts Reelles wissen. Verschwänden aus Berlin in einer Nacht jene vom Judenthum offen abgefallenen Existenzen, die dem Mammons-

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