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Der Israelit · 1882-12-20 · Heft 51 (20.12.1882) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 51 (20.12.1882)
Date
1882-12-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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1263 ziehe, ist nicht etwa: Der Staat ist schuld, daß B., daß die Juden so sind, wie sie sind, und daher wäre es unbillig, die Juden für diesen ihren Charakter verantwortlich zu machen, sie zu bedrücken. Ich schließe vielmehr so: Da der Staat so ist, wie er ist, wäre es unbillig von ihm zu verlangen, daß er dm ihm verderblichen Juden Gleichberechtigung mit seinen anderen Unterthanen gewähre. Rußland ist heute unfähig, die Juden zu ertragen." Man sieht vor Allem, wie weit der Antor, der selbst russischer Unterthan ist, mit seiner Bankerotterklärung Rußlands geht. Denn Pflicht eines jeden anständigen Staates ist es, seinen Verschuldungen und Verpflichtungen gegen alle seine Unterthanen nachzukommen und Judenhetzen sind nirgends zu beschönigen, auch nicht in Rußland. Die Fälle aber, die von Brüggen anführt, sind weder ausreichend, noch sind sie richtig dargestellt und wir können die Ungerechtigkeit unseres Realpolitikers leicht Nachweisen. Nicht B. (wir fügen gleich hinzu, daß wir anders als Herr von Brüggen den vollen Namen jenes dunklen Ehrenmannes, dem Brandstiftung, Betrug rc. Bergwerksarbeit in Sibirien eingebracht haben, nicht verschweigen wollen) also Chadschke Beermann aus Talschen (Gouvernement Kowno), dem der Autor 12 Seitm seines Buches widmet — hat den russischen Staat korrumpirt, sondern Rußland hat d e n I uden korrumpirt. Wir Juden werden darüber im Allgemeinen noch einmal vor der öffentlichen Meinung Europa's mit Rußland abrechnen. Brüggen vergißt aber auch bei seiner speziellen Anführung der hier von einem Juden verübten Betrügereien, daß Beermann mit russischen Beamten, Christen, im Bunde gegen 2 Petersburger Juden operirte und daß der verdorbene Jude den Juden betrog. Viele Juden in Rußland sind leider schon zu sehr Russen. Die Thatsachen beweisen allerdings, daß der systematisch in den Augen des Volkes tief Herabgewürdigte, wenn er sein Judenthum verläßt und die Gier nach Macht und Reichthum ihn ruffisicirt, bald in Lug und Trug ein ebenso guter russischer Staatsangehöriger ist, wie der Russe selbst. Edele Früchte konnten aus der früheren russischen Gewaltpolitik nicht reifen. Und noch heute nimmt der russische Beamte, der — und das ist recht häufig — Durchsteckereien systematisch betreibt, das Geld des „verfluchten Juden" und spuckt vor ihm aus. Nur sehr viel Geld emancipirt in Rußland. Eine vernünftige und gerechte Regierung zieht nicht die rohesten Leidenschaften eines Volkes groß. Man hat Jahrhunderte hindurch den russischen Volksbürger und selbst den Leibeigenen gelehrt, daß die .Juden Ausgestoßene, Geduldete und zu Knechtende seien und nun — will man Europa die Komödie Vorspielen, der Jude korrumpire Rußland. Noch hat man sich von dem starren Staunen über Jgnatiew's höllische Wuth nicht erholt, noch passirt in Rußland auch abgesehen von den Juden des Entsetzlichen noch genug, noch aber auch ist über Rußland und die Juden das letzte Wort in diesem Jahrhundert nicht gesprochen. Wie ein angesehener Autor 30 Seiten seiner Schrift dem Nachweise widmen kann, daß der Talmud die russischen Inden und diese den russischen Staat verderben, ist nur citt Beweis mehr von der verderblichen Macht, mit welcher die antijüdische Liga immer weiter und weiter bohrt. Dr. Jellinek in Wien hat Recht, der Feldzug des Antisemitismus ist organisirt, aber unsere Vertheidigung nicht. Wir wissen zufällig durch einen christlichen Professor der Philosophie, daß Brüggen nach einer Zusammenkunft mit Dr. Busch in Berlin, dem Leiter der offiziösen Presse seinen Aufsehen machenden Artikel „Das deutsche Judenthum in seiner Heimath" den „Grenzboten" übergab, die bekanntlich unserer Regierung sehr naheftehen. Das wiffenschaftliche Rüstzeug wurde herbeigeholt, um die Böswilligkeit und Gesinnungslosigkeit unserer deutschen Antisemiten noch mehr zu entflammen. Das war vor den russischen Judenhetzen, und nach denselben hat der deutschruffische Freiherr sein Buch in angesehenem Verlage in Leipzig erscheinen lassen, bei Veit und Co., wenn wie nicht irren, Semiten. Ja ein großer Theil der Berliner Juden erklärte kurzweg, was Brüggen über die Korruption der russischen Juden durch den Talmud sagt, das ist ganz richtig, ja das ist der Kern der ganzen Frage. Nur fort mit dem Talmud. Eine gründliche Widerlegung des Buches „Rußland und die Juden" ist nirgends erschienen und doch wäre sie lediglich Sache der Gerechtigkeit, die wir unseren russischen Brüdern nicht versagen sollten. Auch in unseren Reihen gibt es Antisemiten, die vor jedem einwandernden Juden zittern und mit geheimem und offenkundigem Behagen alles und jedes Märchen über unsere russischen Brüder als baare Wahrheit acceptiren. Die Thörichten kennen und wollen ihre eigene Geschichte nicht kennen. Jedem, der an der russischen Grenze gewesen ist, ist klar, wie sowohl jedes übermäßige Jdealisiren der russisch-jüdischen Zustände ein Fehler, als diese Trennungssucht und diese Verblendung des vermeintlichen Eigennutzes ein — Verbrechen. Alan vergleiche nur einmal unsere alte Judengesetzgebung mit den heutigen russischen Judenbestimmungen, die das Mittelalter in leibhaftiger Gestalt sind. Zahl-

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