Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1882)
- Date
- 1882-12-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1244 sie ihm nicht LMeihcni Leisen Trittes gingen sie also mit verschmngenen Armen, um sich tu der Finsterniß nicht zu verlieren, vorwärts, indem sie sich mit' den freien Händen gegen einen Anstoß zu schützen suchten; aber kaum hatten sie einige Schritte gethan, als Louise mit dem Fuße^an einen Stein stieß, zur Erde fiel, und ihre Begleiterin mir sich hinabzog. Das Geräusch, das dieser Fall verursachte, unterrichtete den Führer von ihrem Beginnen. Dieser schien augenblicklich seiner eignen Noth zu vergessen, und als er sich nach dem Orte hingetappt hatte, von wo er das Geräusch vernommen , warf er sich auf die Erde und umfaßte die Kniee der Jungfrauen, die sich laut schreiend seinen starken Händen zu entwinden suchten. „Ich lasse Sie nicht los," rief er, „bis Sie mir gelobt haben, sich nicht von der Stelle zu bewegen. Wenn es noch eine Hoffnung zur Rettung gibt, so ist cs nur, wenn Sie da bleiben, wo Sie sind. Jeder Schritt, den Sie thun, kann Sie tiefer in das Jrrsal führen." Trotz dieses wohlgenteinten Rathes kämpften die Jungfrauen fort, befahlen, drohten und schalten; Alles umsonst. Gennaro sing seine Bitten und Beschwörungen von Neuen! an: „Ich flehe Sie um Gottes willen an; thun Sie, was ich Jhneit gesagt habe Nimmermehr kann ich geschehen lassen, daß Sie sich so muthwillig in den Tod stürzen, denn ich will an Ihrem unschuldigen Blute keinen Theil haben. Schelten Lie mich nicht einen Berräther; ich meine es ehrlich mit Ihnen. Nennen Sie mich nickst einen Mörder; denn ich bin ein redlicher Kerl und lasse mein Leben für Jeden, der mich in seinen Sold genommen." Da nun die Jungfrauen sahen, daß ihnen nichts Anderes übrig blieb, als einen Rath zu befolgen, der mit so kräftigen Händen unterstützt wurde, und der ihnen selbst als heilsam erschien, beschlossen sie, sich mit so vieler Fassung als möglich, in ihr grausames Schicksal zu ergeben, und alle ihre Gedanken auf Gott zu wenden. Nachdem sie sich diesen Entschluß mitgetheilt und sich gegenseitig darin befestigt hatten, umarmten sie sich mit großer Innigkeit, und suchten dann ihre Gedanken, so gut es in ihrer Lage möglich war, zu sammeln. Unterdessen betete auch Gennaro und das Murmeln seiner Gebete, und die Schläge, die er von Zeit zu Zeit gegen seine Brust führte, waren das Einzige, was die entsetzliche Stille dieser Finsterniß auf eine beängstigende Weise unterbrach. So mochten wohl einige Stunden vergangen sein, während die drei unter zahllosen Todten hier allein athmenden Menschen, von den peinlichsten Vorstellungen gefoltert, und'kaum noch fähig, den letzten glimmenden Funken der Hoffnung zu nähren, kaum etwas mehr als einzelne Worte mit einander gewechselt hatten, als Gennaro, der wie die meisten seiner Art, die unter freiem Himmel in einem Zustande halber Wildheit leben, überaus scharfe Sinne hatte, mit seinen Gebeten innehielt, und mit weitvorgestrecktem Kopfe und offenem Munde lauschte. „Gott sei mir gnädig," sagte er eben so hastig als leise, „ich glaube, ich höre etwas!" — legte dann das Ohr an die Erde, sprang plötzlich ans und rief mit lauter Stimme: „Fürwahr es regt sich etwas!" — und zugleich stieß er ein durchdringendes, gelleitdes Geschrei aus. Einige Augenblicke vergingen, Keines wagte zu athmen, da rief Gennaro wieder:'„Es hat, so wahr ich lebe, geantwortet, aber weit, weit weg!" — und nun psist er auf dem Finger und schrie noch einmal, und lauter als vorher.' Auch ans diesen Ruf versicherte er Antwort zu hören, aber in einer andern Richtung! und in noch größerer Ferne. Jetzt schrie Gennaro in einem fort, ohne Unterbrechung und mit solcher Anstrengung, daß ihm die Stimme verging. Kurz darauf hörten Alle deutlich den Schall schneller Fuß-! tritte, dann rufende Stimmen, und sahen endlich! den schwachen Wiederschein brennender Kerzen. Wie! wahnsinnig lief jetzt Gennaro diesem Schimmer em-! gegen, jauchzend und jubelnd, und mit tausenderlei! frömmgemeinten Ausrufungen seiner Marruccia! dankend, die ganz gewiß in dieser Zeit für ihm! guten, lieben Gennaro gebetet hatte. Louise lag uii-! terdessen aus ihren bebenden Knieen. Ihre Lippen! zitterten; „Gott! Gott!" war Alles, was sie zu» sagen vermochte. Geraldine gab keinen Laut von» sich. Und als der erste dämmernde Schein in de» Winkel drang, der die Jungfrauen barg, fiel er an« eine erblaßte, todtähnliche Gestalt. Geraldinens» Augen waren geschlossen, ihre Stirn mit kalten» Schweiße bedeckt. Starr und gefühllos lag sie itjfl den Armen ihrer Begleiterin, in deren Brust jetzV die frohe Bestürzung über die unverhoffte Rettung» mit dem Schrecken über dieses neue Ereigniß kämpfte» (Fortsetzung folgt.) I Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition de? „Israelit" große Bleiche 45. I. & ot t* leben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeige).