Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1882)
- Date
- 1882-12-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1243 so groß, daß der hiesige Stadtrath sämmtlicheLocal- Theater zeitweise schließen ließ. (Jew. Chr.) Feuilleton. Aus der Zeit der Keaction. v. Der Führer schwieg, fuhr mit der Hand über dos Gesicht, und eilte noch schneller als vorher, aber mit unsicherem Schritte. „Gott sei uns gnädig!" rief die Malerin: „er hat sicher den Weg verfehlt. Das sind nicht die Gänge, durch die wir gekommen sind. Hier ist ein Gemälde, das ich vorhin nicht gesehen habe; und hi^'r eine Inschrift und hier-Mann, lieber Nann! Ihr seid doch des Weges kundig? Ihr habt ihn doch gewiß schon oft gemacht?" Der Führer schwieg noch immer oder murmelte unverständliche Worte, wischte sich den Schweiß von der Stirne und schritt immer rascher zu. Aber je Äneller er ging, desto geschwinder verzehrte sich seine Kerze — und eine dritte hatte er nicht. Jetzt hielt er nur noch ein Stümpfchen.in der Hand, als er sich voll Verzweifelung auf die Knie warf, und mit dem Reste seiner Kerze in den hocherhobenen Händen ciusrief: „O heiligster Januarius, wenn Du mich ürmen Sünder aus dieser Todesnacht wieder an das Licht bringst, so gelobe ich Dir eine pfundschwere Kerze, über und über vergoldet, und diese edlen Frauen werden in Anbetracht der Todesnoth, tu die sie sich durch ihre Vermessenheit und meinen Frevel gestürzt haben, sich gewiß nicht weigern, etwas dazu beizutragen, und Dir wohl gar ein neues Festkleid von schöner Seide mit Gold durchwirkt machen laffen!" Sobald er so gesprochen hatte, sprang er heftig auf, schlug mit der Faust gegen Brust und Stirn mit) eilte noch rascher vorwärts, indem er bald verirrte Blicke auf die bebenden Jungfrauen warf, ild scheu auf die Kerze sah, die jetzt schon so viel lierabgesch molzen war, daß sie kaum noch gehalten Werden konnte. Immer näher rückte der furchtbare Augenblick ihres Berlöschens. Schon warf sie den letzten Schimmer umher, und ach! der Gang, den kie beleuchtete, war nicht der Weg des Ausganges, bin Schrei des Führers begleitete das letzte Aufklackern des Lichts. Louise verhüllte sich das Gesicht. Geraldine warf sich schweigend auf die Erde und hielt ihre Begleiterin fest. Tiefe Nacht war' um sie her; kein Laut unterbrach die gräßliche Stille. Der Schrecken hatte selbst ihren Athem gehemmt; die Angst des' Todes hielt sie wie mit Banden umstrickt. Und welches Todes? Selbst das Loos des lebendig begrabenen Scheintodten, der in seinem engen Hause schnell verschmachtet, war dem Schicksal der Armen vorzuziehen, die in der ganzen Fülle ihrer Kraft in ihr Grab hinabgestiegen waren. Nachdem dieses furchtbare Schweigen eine Weile gedauert hatte — wir wissen nicht wie lange; denn in so schrecklichen Zuständen schwellen die Augenblicke zu Stunden auf — flüsterte Geraldine mit bebender Stimme: „Lasciate agni speranzo voi ch’entrate!“ *) und der Führer fing wieder an unter ängstlichem Stöhnen mit beiden Fäusten gegen seine Brust zu schlagen. „O heiliger Januarius," rief er, „Du hast ja auch in solchen Grüften gewohnt und sie mit deinen Wundern erfüllt, thue doch noch dieses an mir — denn es ist Dir ein Leichtes! und spalte einen der Felsen, damit sie einen Weg öffnen zu Licht und Leben. Willst Du aber durchaus kein Erbarmen haben, und mich meiner vielfältigen Sünden wegen in diesem abscheulichem Labyrinthe umkommen lassen, das ich um einiger elenden Carolini willen, die ich freilich höchst nöthig brauchte, seit zwanzig Jahren zum ersten Male wieder betreten habe, so bitte doch wenigstens für mich, daß mir Vergebung werde für meine Sünden." Während Gennaro mit solchen Worten nach seiner Weise betete, wendeten auch die geängstigen Jungfrauen ihre Herzen zu Gott, und ihre Beklemmung löste sich in Thränen auf, und sie konnten wieder zu einander sprechen. „Wenn wir hier umkommeu," sagte Geraldine, „so beklage ich nicht meinen Tod, der das Werk meiner Vermessenheit und die Strafe meines Ungehorsams ist; aber den Deinigen. — Wäre es aber nicht besser," fuhr sie fort; „statt uns einer unnützen Verzweiflung zu überlassen, wir versuchen das Letzte, und gingen weiter auf gutes Glück. Vielleicht, daß uns Gottes Barmherzigkeit auf den rechten Weg und zum Lichte führt." Ohne Hoffnung eines Erfolges, aber auch ohne einen andern Rath, stimmte die Malerin ein. Den Führer würdigten sie nicht, ihm ihren Entschluß mitzutheilen. Den unbesonnenen Frevel, sich ohne Kenntniß des Weges zum Führer aufzuwerfen, konnten *) Lasset jede Hoffnung hinter euch, die ihr hier eintretet!