Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1882)
- Date
- 1882-12-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1239 knüpft, wenn man sich hinab beugte zu dem gefesselten Bruderstamm, uni ihm die Fesseln zu lösen, welche die freie Entfaltung seiner Kräfte hindern, und ihm die bis dahin verschlossenen Wege zu den idealen und materiellen Gütern des Lebens zu gestatten, wenn dann je der jüdische Mann über diese Errungenschaften sein Judenthum vergessen, Zion und Jerusalem aus seinem Gedächtnis streichen und so Gefahr laufen könnte, auf- und ur.terzugehen in der ihn umfluthenden Ströninng, unser Lied hätte die Kraft, wenn ein Ton aus der Fülle seiner Klänge Geist und Gemüth träfe, den Sinkenden zu retten und ihn mit der geistigen Schwungkraft auszustatten, die ihn wieder auf die Höhe der jüdischen Wahrheit hebt. Es führte ihn über weite Länder und Meere Jahrtausende zurück au die Ströme Babylons und zeigte ihm dort die Ahnen, wie sie den späten Enkeln erzählen: Auch uns hat ein gütiges Geschick, nachdem wir die strafende Waltung Gottes in ihrer ganzen Schwere gekostet, Milde und Liebe von unseren Machthabern angedeihen lassen, man hatte uns nicht nur gleichgestellt, man hatte uns höher gestellt, als die Eingeborenen des Landes, hat die ersten Würden und Aemter des Staates.in jüdische Hände gelegt, hat Babylon so vollständig uns zu einem zweiten Vaterlande gestaltet, daß wir an den Gestaden seiner Flüsse uns vollkommen ansässig machen konnten, aber Zion hatten wir doch nicht vergessen, der Thräne um unser gestörtes Heiligthum hatten wir uns doch nicht geschämt, wir waren treue, glückliche, eingesessene Bürger unseres Adoptivvaterlandes, haben aber auch um Zion geweint, so oft wir immer seiner gedachten. p'L rx 003 DJ cip ^33 nnp.j Warum hätten sie auch nicht treue Bürger ihrer neuen Heimath und ebenso treue Söhne Zions sein sollen? Das Gesetz Gottes an den Menschen, das in Zion seine einzige concrete Stätte auf Erden hatte, deren Verfall die treuen Zionssöbne beweinten, steht ja überall nicht nur nicht in Widerspruch, steht vielmehr in vollem Einklang mit allen Gefühlen, Empfindungen und Gesinnungen, aus denen die Treue und Anhänglichkeit für den Staat erblüht, der die Güter unseres bürgerlichen Glücks uns wahrt und sichert. Mit demselben Worte, mit dem derselbe Prophet die Exulanten zur Anhänglichkeit an das neue Heim verpflichtete, legte er ihnen daher das Gedächtniß Zions ans Herz*). Nicht ihrem Exil galt die Thräne in ihrem Auge, dem Exil der Thora, dem „Galuth Schechina," dem Verlangen, *) — nstf cr3.-N "vyn nx nem rr’-n yzi ><32 — ,m px e-">n nti pw daß dem Gottesgesetz, das mit der Zertrümmerung Zions keinen Raum mehr auf Erden hatte, wieder sein Heiligthum errichtet werden möge, galt die Sehnsucht ihres Herzens, die durch allen Glanz ihrer socialen Stellung nicht befriedigt, nicht einmal berührt werden konnte. Dieses Weh in ihrer gotttreuen Brust, für welches ihre heidnische Umgebung kein Verständniß haben konnte, ließ sie ihre Harfen an die Weiden hängen, bannte die Freude aus ihrem Herzen und das Lied von ihren Lippen. In den Weiden, deren symbolische Bedeutung ihnen aus ihrem Feststrauß bekannt war, erkannten sie sich selbst wieder. Wie die feucht- und ätherlosen Weiden, unter deren Schatten sie weinten, waren sie arm und abhängig geworden, und als sie später wieder reich und groß dastanden und den Gefahren des Reichthums und der Größe ausgesetzt waren, drückten ihnen die Propheten die Zweige der Weiden in die Hand, au denen sie einst ihre Harfen aufgehangen, und statteten sie mit einem Talisman aus, der selbst an ihrem Freudenfeste sie den Ernst des Lebens nicht vergessen läßt. (Schluß folgt.) Der internationale antijüdische Kongreß und sein Manifest. Berlin. „Laut dem soeben ausgegebenen Manifest an die Negierungen und Völker der durch das Judenthnm gefährdeten christlichen Staaten," („in Partien von 100 Exemplaren zum Preise von 4 Mark deutscher Reichswährung zu beziehen") — ist der zweite internationale antijüdische Kongreß auf März 1883 festgesetzt worden. Da dieses kuriose Ereigniß demnach nicht mehr so ferne ist, werden wir uns die Mühe geben, uns mit dem Ergebniß des ersten Kongresses vom 11. und 12. September 1882 soweit zu beschäftigen, als es für uns der Mühe verlohnt. Vor Allem ist es wichtig, von Seite 15 dieses laut Beschluß des Kongresses an die Regierungen zu versendenden Schriftstückes den Satz zu tilgen und als eine große Fälschung zu entlarven, der den Namen unseres Montefiore zu beflecken unternimmt. Auf einer Rabbinats-Versammlung zu Krakau 1840 „soll" Montefiore gesagt haben: „Was faselt Ihr! so lauge als wir nicht die Presse in Händen haben, ist Alles, was Ihr sagt, vergeblich. Umsonst schafft Ihr Gesellschaften, Anleihen und Bankerotte und dergleichen: so lauge wir die Presse nicht zur Verwendung haben, um die Welt zu betäuben und zu täuschen (im Manifest gesperrt gedruckt).