Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1882)
- Date
- 1882-12-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1223 Feuilleton per Letzte. Erzählung von S. Kohn. Verfasser von ,Gabriel." (Fortsetzung.) Zweites Kapitel. Als die beiden Freunde allein waren, warf sich Wallbruck in einen Stuhl und rief: „Also wie steht's mit unserer Angelegenheit? Fährst Du heute mit Agathe zu mir hinaus nach Leindorf?" und als Purkhammer verneinend den Kopf schüttelte, fuhr der Arzt polternd fort: „Weshalb nicht? Ich kann es gar nicht erwarten, Deine schöne Mündel Agathe — ich darf wohl sagen, meine liebwerthe Zukünftige — auf meinem Landgute zu sehen. Ich glaube mit Bestimmtheit, das; wenn wir sie aus dem Bannkreise Deines Aktuars entfernt haben, sie unserem vereinten Andrängen nicht widerstehen können wird. Auf meiner Besitzung, Leinberg feiern wir die Verlobung und bald darauf die Hochzeit." Purkhammer war heute in böser Laune und erwiderte mit einem giftigen Lächeln: „Sag' mir aufrichtig, alter Freund! Was erscheint Dir begehrenswertster, meine wunderschöne Nichte oder das wunderschöne, viele Geld, das sie von ihrem Vater, meinem Schwager, dem ' reichen Kaufmann Sebastian Hanger, geerbt hat?" „Man kann das Eine lieben und braucht das Andere nicht zu verachtenerwiderte der Arzt lachend, „übrigens" — er dämpfte seine Stimme zu einem leisen Flüstern herab, „Du sollst ja dabei auch Deinen Nutzen finden. Es bleibt bei unserer Verabredung: Als Gatte Deiner Mündel verzichte ich auf die Rechnungslegung über ihre Vermögensverwaltung. Du hast vor 14 Jahren, als Deine Schwester und ihr Gatte rasch nacheinander am Nervenfieber starben, und Agathe ganz verwaist zurückblieb, ihre Vormundschaft übernommen. Sie besaß damals ein Vermögen von hunderttausend Gulden; — ich will Dir gegenüber ein Muster von Genügsamkeit sein, ich stelle mich mit dem ursprünglichen Stammkapitale zufrieden und überlasse Dir den ganzen Zuwachs, welchen das Vermögen während dieser langen Zeit erfahren. Bruder Purkhammer! Ich glaube. Du machst bei dieser Affaire einen bessern Handel als ich selbst!" „Wir sind noch nicht so weit, daß Du Agathe als Deine Frau heimführst und mir Gelegenheit bietest, Deine freundschaftliche Großmuth zu bewun-; dern! Vor Allem kann ich vorläufig nicht mit Agathe i zu Dir nach Leindorf fahren, und Du siehst es ja i selbst ein, so lange sie in der Nähe dieses Lumpens, I dieses Globner, lebt, der — nimm mir's nicht übel > umiee! — weit jünger und schöner als Du bist, i ist es nicht möglich ihre Einwilligung zu erpressen." „Warum kannst Du noch nicht reisen?" „Mein Urlaub ist noch nicht angelangt', und wenn dieser auch morgen mit der Post eintrifft, so kann ich E. doch nicht eher verlassen; — als bis ich den Mörder der Barbara Rodlcriu habe." „Sackerlott!" schrie der Arzt ungeduldig, „der Jud Abraham Duppau sitzt ja in Ketten in Deinem .Kerker, — das ist der Mörder!" „Das sagst Du, er aber sagt nein!" erwiderte der Bürgermeister. Es entstand eine kleine Pause, Wallbruck blickte zu Boden und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. „Ich muß den Juden auch für den Thäter halten; weil ich keinen andern habe," fuhr der Bürgermeister fort, „aber .,..." er brach ab, und wieder nach einer kurzen Pause sprach er, „ich habe den Delinquenten gestern torquiren lassen, ich bin bis zum dritten, bis zum vorletzten Grade gegangen; — aber der Jud hat noch immer nichts geständen, er behauptet ganz unschuldig zu sein." „So laß' heute den vierten, den höchsten Grad in Anwendung bringen; da wird er schon aus einer andern Tonart pfeifen; bei dem vierten Grade erlangt man von dem Delinquenten jedes gewünschte Bekenutniß!" „Ja," meinte der Bürgermeister verstimmt und verlegen, „das ist Alles schon ganz recht und schön;" — aber wieder senkte er unwillkürlich die Stimme, „ein solcher Vorgang wäre Eigentlich widergesetzlich. Artikel 38 der allgemeinen, peinlichen Gerichtsordnung bestimmt ausdrücklich: Die Tortur muß an einem Tage beendet sein. Da Duppau nichts gestanden, so hat er sich eigentlich vom Verdachte gereinigt und sollte freigegeben werden. Freilich," fuhr der Bürgermeister stockend fort, „in einem weiteren Paragraphen wird dem Richter in einzelnen Ausnahmsfällen auch das Recht eingeräumt einen Delinquenten an mehreren Tagen peinlich zu befragen — aber . . . ." „So mach' von diesem Paragraphen Gebrauch," unterbrach ihn der Arzt, „oder laß den Juden in tausend Teufel Namen laufen!" Wallbruck warf einen lauernden Blick auf Purkhammer. „Es ist eins so schwer als das Andere, — ich kann nicht so leicht den einzigen Menschen, den man vernünftiger Weise verdächtigen kann, als unschuldig entlassen. Der Mord ist hier in der Nähe, einige Stunden vom Sitz: des Kriminalgerichtes verübt