Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1882-12-06 · Heft 49 (6.12.1882) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 49 (6.12.1882)
Date
1882-12-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447898-2447944--19299-2475369
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1220 dann wie eine Last auf mir liegt, und ich weinen möchte; dann rette ich mich nicht in dem Gedanken an den Tod, der ja selbst wieder ein Unendliches und von Allem das Schrecklichste ist; sondern wende mich zu dem Leben, und frene mich seiner begrenzten Gestalten, die ich mit meinen Sinnen fassen und umspannen kann, während Jenes meiner Fassung entschlüpft, und weit entfernt, eine Sehnsucht nach dem Tode in mir zu wecken, vielmehr die Freude an den Erscheinungen des Lebens in ihrer Beschränkung erhöht." „„Hierin magst Du." antwortete Geraldine, „„in Deiner Weise und nach Deiner eigenthümlichen Künstlernatur ganz Recht haben; auch erwarte ich gar nicht, mein romantisches Gefühl in jedem Andern zu finden. Aber es ist so, wie ich sage; und diese Eigenthümlichkeit ist so stark und entschieden in mir, daß mir jede Gefahr oder jeder Schein von Gefahr eine unwiderstehliche Anlockung wird. Noch neulich, als ich in Jschia einen Felsen erstiegen hatte, der wunderbar grausenhaft aus dem Meere aufsteigt und sein graues, schroffes Haupt über die Fluth beugt, und nun ein starker Westwind die Wellen Herantrieb, und diese sich schäumend an der Felsenwand aufbäumten und in sich zurückstürzten und immer von Neuem heranstürmten; und dann weiterhin die unendliche Fläche des Meeres sich aufrollte, von den breiten Strahlen der untergehenden Sonne und dem tiefen Azur des Himmels wunderbar beleuchtet — siehe, da war die Versuchung, in die Brandung hinabzuspringen, fast unbezwingbar in mir. Meine Augen verdunkelten sich, die Füße zitterten unter mir; und ich glaube, ich wäre dem Zauber gefolgt, hätte mich nicht der Vater festgehalten, um sein Teleskop auf meine Schultern zu lehnen. Fast ebenso ging es mir auf der Plattform des Münsters von Straßburg, auf dem Dache des Domes in Mailand; ja auf jedem Thurme und auf jeder Höhe; und sollte mein Vater je nach Griechenland gehen, so stehe ich nicht dafür, daß ich den Leukadischen Sprung versuche, nicht aus Liebe zu einem Manne, wie Sappho, sondern zu dem Genius des Todes, mit dem zu scherzen mir eine unbeschreibliche Lust ist."" Unter solchen Gesprächen waren die beiden Jungfrauen an der Kirche angekommen, in welcher gerade eine Büßpredigt gehalten wurde. Schnell schlüpften sie an der Menge vorüber. Nachdem dann der Führer sein Windlicht an einer Kerze angezündet und sich bekreuzt hatte, traten sie mit klopfendem Herzen in die dunkeln Grüfte, die sie auf einige Zeit vom Leben trennen sollten. Da traf es sich nun sonderbar, daß. als sie eben die letzte Stufe betraten, und die schwere Pforte sich vor ihnen öffnete, der Prediger seinen Zuhörern mit donnernder Stimme zurief: „Noch scheint Euch das Licht der Sonne, noch erleuchtet die unendliche Güte Eure Pfade, und läßt Euch Zeit, die Wahrheit zu erkennen, die zum Heile führt. Nur wenige Schritte noch, und die Pforten des Lebens schließen sich Himer Euch, und Ihr tretet ein in die Wohnungen der Nacht, wo die Hoffnung stirbt und nur die Verzweiflung lebt!" — Bei dieien Worten, die wie eine Prophezeiung klangen, blickte die Malerin Geraldine mit bedenklichen Mienen an, nnd trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Geraldine aber, die ihr Gefühl errieth. flüsterte ihr zu: Er wiederholt ja nur seinen Dante: „Wer hier eintritt, der lasse jede Hoffnung zurück" und zog die Zaudernde nach sich. Ein weites Gewölbe nahm sie jetzt auf; dann lange Gänge, mannigfaltig durchschnitten, und wunderbar verwirrt; überall Gräber, Altäre und Inschriften, zum Theil mit mystischen Symbolen bezeichnet; hin und wieder ein Wandgemälde, das mehr fromme Absicht als Kunst verrieth. Alles das gab der Wißbegierde der wandernden Jungfrauen reichliche Beschäftigung. Immer weiter und weiter drangen sie vor; und schon war die erste Kerze abgebrannt und der Führer rieth zur Umkehr, als sie sich entschlossen, den Rückweg anzutreten, aber nicht ohne noch hier und da in einen Seitenweg einzubiegen, wo ihre Neugierde auf neue Gegenstände zu stoßen hoffte. „Was meinst Du," sagte Geraldine, als sie sich eben durch einen engen Gang drängten, «wenn während dieser Zeit ein leichter Erdstoß, wieder in diesem Lande so gewöhnlich ist, einen dieser Gänge verschüttet und uns die Rückkehr abgeschnitten hätte?" „ „O, Lady Geraldine,"" fiel ihr die Malerin in's Wort, „„ist es nur erlaubt und recht, sich mit so gräßlichen Vorstellungen zu quälen, oder wenn Sie selbst an solchen Gemüthserschütterungen ein launenhaftes Vergnügen finden, mich damit bis aus den Tod zu ängstigen?"" Geraldine lachte; rief aber in demselben Augenblicke aus: „Warum beschleunigt nur unser Führer seine Schritte so sehr? Freund! warum seht Ihr Euch so nach allen Seiten um! Ihr seid doch des Weges gewiß?" (Fortsetzung folgt.) Hier;« sieben Beklagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 48. I. Go ttS leben's Nuchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.