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Der Israelit · 1882-11-08 · Heft 45 (8.11.1882) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 45 (8.11.1882)
Date
1882-11-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1120 Deine Hülfe hoffe ich, Ewiger;" betete sie in ihrem Nachtgebet und ruhig und gefaßt schlug sie ein Tuch um das Haupt, gina zu Meiers Wohnung und flüsterte mit glücklichem Lächeln: „Für ihn, für meinen Benjamin." Einen Freudenschrei stieß Lea aus, als Judith eintrat. „Mit Dir zieht Gottes Gnade in's Haus, Mutter," rief sie, und so war es. Lea durfte nicht mehr an das Bett des Vaters um nicht auch noch von der Krankheit erfaßt zu werden. Aber Judith wich nicht vom Bett des Leidenden, der sich unter ihrer Pflege wunderbar erholte. Als er wieder lichten Geistes war, da schaute er verwundert auf die kleine zierliche Gestalt an seinem Bett, dann wurde sein Auge feucht. „Du bist bester als ich," sagte er bewegten Tones. „Sei still," bat sie, „daß Du genesest." Als der. Arzt kam, erklärte er Reb Meyer außer Gefahr und fugte bei: „Daran ist nebst Gott Frau Judiths Pflege allein Schuld." Es war ein bescheidener Mann, der Arzt. Als Reb Meyer zum ersten Mal außer Bett war, faßte er Judiths Hand. „Womit kann ich Dir danken?" Sie schaute ihn klar an, und ernst erwiederte sie: „Du weißt es. Nicht um Deinetwillen, nicht aus Milde kam ich an Dein Lager; ich kam um meines Kindes willen, um Deines Kindes willen, das mein Benjamin liebt, laß sie glücklich sein! Sei ihnen gütig, wie Gott Dir jetzt Gnade erzeigt hat." Reb Meier war gerührt und mit weicher Stimme sagte er: „Vergessen sei aller Groll! Wem eine solche Mutter eigen, der muß gut, und der wird mein Kind glücklich machen, auch ohne Reichthum. Gott segne Deinen Benjamin und meine Lea und gebe, daß wir sie bald in Simchos unter die Chuppe führen." Lea war überglücklich; nur Frau Judith war traurig, da er so ferne weilte und bald erhielt sie Kunde, die sie tief betrübte. Benjamin, nachdem er vergeblich in der alten Welt nach dem Glücke geforscht, hatte sich nach Amerika eingeschifft. Sie meinte, das Herz müsse ihr brechen bei dieser Nachricht. Doch harrte sie geduldig neuer Nachricht entgegen, und treu hoffte Lea mit ihr. Beide saßen oft beisammen in Judith's kleinem Stübchen, in dem es noch so ärmlich war, wie vorher, denn sie nahm keine Gabe von Meier an. Dann sprachen sie von ihm. Manche Thräne wischte die Wittwe verstohlen aus dem Auge, um sie dem Mädchen zu verbergen. Ihr Herz pochte ungestüm vor Sehnsucht und oft meinte sie, sie müsse zusammenbrechen. Ihr Haar wurde weiß, ihre Äugen umflorten sich — er kam nicht. Die Unruhe verzehrte sie, sie wurde schwach, und sie vermeinte zu sterben, aber die Sehnsucht und die Hoffnung ihres Herzens ließen es nicht stillestehen. Die Fenster ihres Stübchens standen weit auf, daß die frische Frühlingsluft Einzug hatte. Heute am Erew Pesach war sie zum ersten Mal außer Bett, ihr Auge erlabte sich an den Peilchen, die im Glase vor ihr standen und sie dachte wie immer an ihn. Da schlich sich, sie sah's trotz der trüben Augen, um's Haus eine dürftige Gestalt in abgeschabten Kleidern und mit blassem Angesicht; ihr Herz bebte, es war ihr Benjamin! Und nun lagen sie sich in den Armen und weinten laut. „Nun will ich gern sterben, da ich Dein Antlitz noch einmal gesehen;" rief sie mit dem Erzvater Jakob aus. Jetzt erzählte er, wie er das Glück gesucht, und allüberall hatte er Arbeit, Noth, Mühsal und Last gefunden, die Schwingen waren ihm abgefallen, gestorben alle Hoffnungen, da wurde er krank, aber nicht -ruhte in ihm die Sehnsucht nach seinem Mütterchen und sie hatte ihn getrieben trotz Elend und Noth, trotz Bitterniß, die ihn erwartete, nach Hause, in die Heimath und der starke Mann weinte wie ein Kind, küßte immer und immer Mütterchens welke Lippen. Da trat eine Gestalt in die Thüre, nicht mehr wie ehedem ein liebliches Mädchen, ein zu voller, ernster, hehrer Frauenschöne gereiftes Weib war Lea; sie stand still, bis Judith sie erblickte und nun erkannten sich auch die Liebenden, und jauchzten auf in lautem Jubel, in Glückseligkeit und Freude. Draußen kosten die Lenzwinde, dufteten die Veilchen und jubilirte die Lerche, Frau Judith aber schaute nach oben und erhob die Hände uno dankte Gott in ihrem Herzen. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deS »JSraelit* große Bleiche <5. I. GottLleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeigerl.

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