Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1882)
- Date
- 1882-11-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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1119 Frankreich. fyatii. Herr Narcisse Leven, Mitglied des israel. Konsistoriums und Generalsekretär der All. isr. wurde zum Vice-Präsidenten des Munizipalrathes erwählt. (Arch. isr.) Rußland. Odessa. Herr Poliakoff hat der isr. Gemeinde 160000 Rubel zur Errichtung eines Asyls für isr. Greise geschenkt. Feuilleton. Lin Wutterherz. Ein Bild aus dem jüdischen Familienleben. Von Alfred Sommer. (Schluß.) Es kamen und gingen nun einsame Tage für die Wittwe; hinaus ging sie freilich nicht mehr; dafür hatte Benjamin gesorgt. Sie nähte und strickte, ihre Hände ruhten nimmer und die Leute kamen gerne, ihren Kram zu kaufen. Aber es ruhte in ihrem Herzen die Sehnsucht nimmer, mit jedem Strich, den sie machte, flog ein Gruß zu ihm oder es stieg ein fromm Gebet für ihn zum Himmel auf. Sie lebte ganz still; wenig sah man sie auf den Straßen, und dann war sie wortkarg. Was tümmerte sie all das Treiben der Welt, da sie ja allein war? Wo mag er jetzt weilen, wie wird es ihm gehen, wann und wie wird er wiederkehren? das dachte sie zu aller Zeit, und sehnsüchtig harrte sie einer Kunde von ihm entgegen. Spärlich genug kamen sie, denn langsam genug war damals die Post und theuer, aber den letzten Heller sparten beide, um sich Nachricht zu geben, um sich in der Ferne zu sagen, wie lieb sie sich hatten, so unaussprechlich! Freilich, wie kümmerlich es ihm ging, das meldete er nicht und wie die Sehnsucht sie verzehrte, das verschwieg sie in ihrem treuen Herzen, um ihm die Fremde nicht noch härter zu machen. Wieder war es Pesach: die Erde grünte fröhlich von Neuem, wie sie schon seit Jahrtausenden thut; unbekümmert, ob frohe oder traurige Menschen wandeln, jubilirt die Lerche in den Lüften, duftet das Veilchen am Wege. „Wer mit der Lerche fliegen könnte," dachte Frau Judith, als sie einsam sich im Freien erging, sie wäre wohl zu i h m geflogen. In ihren Gedanken versunken, merkte sie nicht, -daß Schritte ihr folgten. Jetzt war das liebliche Mädchen bei ihr, seine Augen glänzten feucht und seine Stimme zitterte, als es die Wittwe ftug: „Wie geht es ihm?" Gerührt blickte Frau Judith auf Lea nieder; es war ihrem Heyen ein seliger Trost, da ihr nun die Jungfrau bekannte, wie innig und heiß sie Benjamin liebe und daß sie ihm, ehe er geschieden sei, das Versprechen ewiger Treue gegeben und es auch erhalten habe. „Und ich will es halten und er wird es halten und er wird wiederkommen," fügte sie mit blitzenden Augen bei. „Er wird wiederkommen, wenn Gott es will," sagte Frau Judith bewegt, „und mit Gottes Hülfe sehe ich noch Euer Beider Glück." Sie schloß das junge Mädchen in ihre Arme und mit mütterlicher Liebe in ihr Herz. Von Stund' an kamen beide oft zusammen und gewannen sich immer lieber; es war ja eine Hoffnung, die sie beide beseette — seine Rückkehr, und nur von ihm sprachen sie und harrten geduldig von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Inzwischen wurde die schöne Lea hart gedrängt von ihrem Vater, einem ihrer vielen reichen Freier die Hand zu reichen; sie aber blieb standhaft ihrer Liebe zu Benjamin treu. Da wurde Reb Meier krank und es war eine böse Krankheit, die ihn heimsuchte, es waren die Pocken und er wälzte sich in Schmerzen und in Fiebergluth auf seinem Lager und es blieb Niemand bei ihm, da alles das Haus mied, um nicht von der fürchterlichen Krankheit, die überall wüthete, ergriffen zu werden. Lea drohte zu erliegen unter der Last des Haushaltes, dem sie nun vorftehen mußte und unter der Pflege des leidenden, darob mürrischen Vaters; da nahte ihr, ihr schien es kein Weib, sondern ein Engel, Judith. Nicht an sich dachte Judith, nicht an ihre wankende, durch Mühen untergrabene Gesundheit, als sie an Reb Meier's Krankenbett trat und ihr Grauen vor der Krankheit und ihren'Widerwillen gegen den harten Mann überwand. Was lag an ihr, dem alten Mütterchen, wenn nur er wiederkebrte und fand die Geliebte in Jugendschönheit wieder, und der Vater mußte dann ihre Hände Zusammenlegen! Der Kampf war ihr dennoch nicht leicht geworden; sie liebte ja das Leben und hätte gar zu gern ihn noch einmal im Leben gesehen, zudem war Meyer der Mann, der ihn fortgetrieben, ihn von ihrem Herzen geriffen, der ihren Gatten und sie selbst gehaßt, und ihm sollte sie Gutes thun? Aber sie dachte an Benjamin, wie sie so sein Glück begründen könne und dachte an Lea. „Aus