Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1882)
- Date
- 1882-11-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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erlitten, war's ihm vom unergründlichen Gotte bestimmt, die Liebsten, die er besaß, frühzeitig in ungewöhnlicher Weise zu verlieren? Er sprach kein Wort, nicht eine Sylbe, aber er handelte! — So rasch, daß ich — meine Füße zitterten — ihm beim besten Willen nicht zu folgen vermochte, eilte er zur Unglücksftälte! .... Ich will's nicht schildern, was er gewagt, wie er es gewagt, ich schaudere noch heute bei der Erinnerung, wie er von Flammen umzüngelt, sein Kind am Arme, die schwanke Leiter drei Stockwerke hoch, zwischen Himmel und Erde herniederstieg! „Ich hatte oft Gelegenheit meinen Herrn zu bewundern, aber nie hatte ich ihn so angestaunt, als in jener gottgesegneten Schreckensnacht! Wißt Ihr, was mein Herr that, als er aus der engen Gildenegasse in die Breitegasse trat und das Dach des brennenden Hauses zusammenstürzte? Erst sprach er: Boruch hatow wehametiwN) dann setzte er den Knaben auf den Boden, küßte ihn nicht und besaß die wunderbare Seelenstärke ruhig fortschreiten zu wollen, freilich die Menge umringte ihn, überhäufte ihn init wohlverdientem Lobe; aber das gerade schmerzte ihn, er entzog sich demselben so rasch als er nur konnte, noch einmal zuckte sein Haupt, er hätte sich gerne nach seinem geretteten Kinde umgewendet; — aber er bezwang sich doch, schritt mit zur Erde gesenkten! Blicke nach Hause, und warf sich aufs Lager, nicht um zu schlafen, das glaubt Ihr wohl, das hätte er nicht vermocht; — um sein Kissen mit heißen Thränen zu benetzen!" „Mein Vater!" rief Benjamin, von unschilderbaren Gefühlen übermannt, „wie kann ich je würdig werden, Dein Sohn zu sein!" und auch die Besucher hatten Mühe den lauten Ausdruck tiefer Rührung zu bekämpfen. „Wie sich des Herrn Leben nun gestaltete, das wißt Ihr, Morai weraboßai! Dem wunderbaren Manne gelang es durch David Wodnian große, herrliche Wohlthaten auszuüben, daß man ihn auf Händen tragen, verehren hätte sollen, und doch brachte er es auch in fast unglaublicher Weise zu Wege, den Armen, Jedermann gegenüber als eisenharter, kieselherziger Mensch zu erscheinen, sich verhaßt und verachtet zu machen, wie kein zweiter Mann in der Gemeinde." „Wie konnte ihm dies gelingen?" frug der Frankfurter Rabbi mit einem halben Lächeln. „Er hatte einen Helfer, David Wodnian. Den alten Jugendgefährten hatte er gleich am Tage seiner Ankunft an sich gezogen, doch nahm er ihm Eid und Handschlag ab, daß er ihn nicht verrathe. Der wackere Mann mußte sich wahrhaftig oft genug verstellen, und thun als wäre er meinem Herrn fremd und kam' nur in unser Haus, um Waare für die Wirthschaft zu liefern. O! es war ein sonderbares Doppelleben, das wir führten. Die ersten Monate, wo wir" — Jchenhausen mußte unter Thränen lächeln —" noch nicht als gar so grausam, hartherzig verschrieen waren, da gab es manchmal sonderbare Sachen. Wenn, sagen wir z. B. ein armer, fremder Jude mit krankem Weib und vielen Kindern, dessen Vaterstadt etwa niedergebrannt war, zu uns kam, und mit beweglicher Stimme um Almosen bat, da hättet Ihr Rabboßai nur hören sollen, wie ihn der Herr anschrie, daß es nur die Nachbaren sollten, und doch standen ihm die Thränen in den! Augen und sein edles Herz erzitterte in der Brust:! — und wenn der Arme, scheltend, fluchend, dicj Stiege hinabpolterte, rief er: „Feisch! Lauf schnell zu Wodnian, daß er sogleich einen verläßlichen Boten in die Herberge schicke, der Familie Geld und warme Kleider bringe — so trieb er's fort bis der Umiiiuo| in der Gemeinde, scheinbar mit Recht, den h Grad erreichte. Einst gingen wir auf der Strahl da begegnete uns ein armer in Lumpen gepöterj Mann, der forderte eine kleine Gabe, die ihm Herr in gewohnter Weise abschlug, und der erbiltMi Bettler rief: „Ihr reicher Mann heißt Löw -I und seid ein Hund! — Zuerst ward mein Hers purpuroth, dann bleich — er war ja stets ein "' von höchstem Ehrgefühl gewesen; aber als ich ami fuhr und dem Bettler böse Worte geben wollig hielt er mich hastig davon ab, und als wir tmdj Hause kamen, war nicht nur sein Zorn ganz raucht; sondern er war erfreut, rieb sich vergnügs die Hände, als hätte er einen glücklichen Tag ( habt, und sagte mit einem seligen Lächeln: „öa'I Du gehört Feisch? Er hat mich Hund gemntnl der brave wackere Mensch, das war ganz gut, das hat mir gebührt! .... Denkst Du es noch," ljfltj er hinzugefügt und war wieder ernst geworden, F ich mich einst gegen Gott empört, und gesagt: W einen Hund hätte ich so behandelt, wie Du m“ O! daß er mich Hund genannt, vor Leuten genannt — es wären recht viele Leute auf der Stran nicht wahr Feisch? — Das thut mir jetzt so wf . . . . und geh' nur gleich zu Wodnian, bch mir den Mann gehörig mit Geld und Spei!" Kleidern versorgt, ich will ihn und die Seinen m mehr in zerrissenen Gewändern auf der 2m sehen!" .... und seit der Stunde blieb tOm j häßliche Name! Es lebten zwei Seelen in großen Menschen; — wenn er sich so nennen bäumte sich sein Ehrgefühl in ihm auf; er! 1) Gelobt seist Drl Allgütigcr, Gnadenspender.