Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1882)
- Date
- 1882-11-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1099 England. Lou-o«, 20. Oct. Wie bereits vor einiger Zeit den Lesern des „Israelit" berichtete, nahm das in England sehr verbreitete Blatt „The Jewish Chronicle" seither eine vollständige Radical-Reform- Richtung an, welcher Umstand sür das Judenthum im britischen Reiche gefährlich au werden drohet. Wenn ein im Talmud unwissender Geschäftsmann die jüngst erschienenen Leitartikel liest, so werden dieselben nichts weniger als fördernd auf seinen religiösen Sinn einwirken und einen nicht minder ungünstigen Eindruck werden dieselben auch auf das Gemüth der Damen, welche gewöhnlich den „Chronicle" zu ihrer Sabbat-Lectüre wählen, Hervorbringen. Besagte Artikel, welche Thora und nurv, wie w, Fleischsalzen rc. einer Synode zur Prüfung vorzulegen und den zweiten Festtag (’jv d"-) abzuschaffen empfehlen, sind ganz nach dem Muster der vor Jahren in Deutschland oielgelesenen „Zeitung des Judenthums" ausgearbeitet, welche ebenfalls unsere heiligen Religionsgesetze den Leipziger, Frankfurter und Augsburger Reformsynöden zur „gefälligen Kritik" unterbreitete. — Siegreich bekämpfte s. Z. „Der Israelit" die Reformtendenz in vielen jüdischen Gemeinden, und Reform ist nunmehr in Deutschland ein außer Mode gekommener Artikel geworden. — Mögen nun auch hier fromme, reiche, thätige und für das Judenthum begeisterte Männer, wie die Herren Samuel Montagu, Lionel 'Eohen, Joseph Sebag rc., ein neues Zeitungs-!Organ für die Vertretung unseres noch in voller Kraft blühenden „conservativen Judenthums" m's Leben rufen, bevor das Schwert der Reform die echtjüdischen Principien. welche unser ehrwürdiger Chief-Rabbi Dr. Adler '»j in unsre Gemeinden ver- Banzte, entwurzle und Verheerungen anrichte, die bleibender Natur sein könnten! I, London. Vor einigen Monaten starb dahier F Gräfin Charlemont. Diese Dame war vor pehrereu Jahren zum Judenthum übergetreten; und Par eines der streng-gläubigsten Mitglieder der Ge-' Finde geworden. I, Ramsgate, 22. Oct. Sir Moses Monteure feierte seinen 98. Geburtstag. Es erfreuet F der ehrwürdige Greis noch vollständiger Geiftes- Wche. (Möge der allgütige Gott «V':: diesen edlen rjnn, den Stolz und die Zierde unsres Zeitalters, Mg> lange gesund erhalten, ruu? man ip Feuilleton Jöß Munitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem erstenDrittel des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) „Mein Herr frug mich, ob ich ihn nach Prag begleiten, ob ich bei ihm bleiben wollte? Fast hält' ich lachen müssen, wenn mir nicht die hellen Thränen über die Backen gelaufen wären! Ich mich je von einem solchen Herrn trennen! Ich nicht nach Prag gehen, wo Frau Cbanna im Grabe ruhte, Frau Channa, die ich als Wickelkind am Arme getragen, und sie geliebt, als wäre sie mein eigen Fleisch und Blut, ich nicht nach Prag gehen zu Benjamin, Channa's und meines Herrn Sohn, dem Enkel und Urenkel meiner Wohlthäter!! „Wir kamen hier in Prag Mittags an, meines Herrn erster Weg war zum Grabe seiner Gattin, er könnte dies ohne Aufsehen zu erregen thun; um diese Zeit befand sich Niemand auf dem altehrwürdigen Bes-ha-chajim; — dann hätte er, weit lieber als er lebt und als er sieht, die reine Gottesluft athmet, seinen Sohn, unseren Benjamin, aufgesucht, wie von tausend mächtigen, unsichtbaren Armen fühlte er sich gedrängt zu ihm, seine Brust hob und senkte sich in mächtigen Stößen, seine Augen füllten sich mit Thränen, .sein Vermögen hätte er darum gegeben, um Benjamin, der bei Neb Beer Hellstadt wohnte, aufzusuchen; aber er fürchtete sein überströmendes Gefühl würde den Vater verrathen. Ein furchtbarer Kampfs tobte in seinem Innern, sein fester Wille blieb Zieger. „Nein," sprach er, „ich muß eine vassende Gelegenheit abwarten, ihn zu sehen!" „Diese fand sich rascher als wir geahnt. In dev ersten Nacht.unserer Anwesenheit in Prag wurden wir aus dem Schlafe geweckt, ein Heller Feuerschein röthete den ganzen Himmel. „Wo orennt'srief ich zum Fenster hinab. „In der Gildenegasse," lautete die Antwort, „wo der brave Lamden Reb Beer Hellstadt wohnt, er wohnt im 3. Stockwerk, sein und seiner Hausgenossen Leben schwebt in furchtbarster Gefahr." Mein Herr stieß einen Schrei aus, — er tönt noch heut' nach 16 langen Jahren in meinem Ohre fort — ich wußte, was er dachte, fühlte; — vierundzwanzig Jahre vorher hatten seine Eltern bei einem Brande den furchtbaren Feuertod