Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1882)
- Date
- 1882-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1095 Woche und fühlt sich hinausgehoben über das Alltägliche, vergißt der Sorgen und des Kummers und schöpft neue Kraft und neue Sammlung für frisches Tagewerk. Heute freilich ist von dieser Poesie viel verflogen, und auch da wo die thätigen Hände ruhen, fehlt doch häufig der fromme Geist in unserer materiellen Zeit. In jener Epoche, da unsere Geschichte spielt, da war noch der Sabbat der gesegnete Ruhetag, den man innerlich und äußerlich wie eine geliebte Braut empfing. So war auch der Sabbat in das ärmliche Stübchen der Wittwe Judith eingezogen. Schneeweißes Linnen bedeckte den tannenen Tisch, auf den die sechszinkige Messinglampe herniederglänzte wie Gold. Es sah freilich recht ärmlich aus in diesem Stübchen; wie aber die Wittwe jetzt ruhig betend dasaß, rings um sie herum peinliche Sauberkeit und Ordnung, und ihr eigen Antlitz, das ernste, noch immer schöne, in freudiger Festesstimmung gehoben, da sah man es, daß gute Genien hier weilten. Eben trat ihr Söhnchen, ein lieblicher Knabe, m's Zimmer und rief der Mutter fröhlich „Gut Schabbos" zu. Da erglänzten ihre Augen in Freude und Stolz, glücklich legte sie ihre Hände aus des Knaben lockiges Haupt, ihm den Segen gebend. Jetzt war die letzte Sorgesfalte von ihrer Stirne verschwunden, vorüber der letzte traurige Schein aus ihrem dunkeln Auge, denn ihr Alles, ihr größtes Glück war ihr Benjamin; und voll und ganz gab sie sich nun der doppelten Freude am lieben Kind und am lieben Sabbat hin. Ach, ihr wurde es in der Woche sauer, und wenig genug hatte sie ihren Liebling. Ob Regen und Sturm oder ob schönes Wetter, die Sorge um's tägliche Brod trieb sie hinaus. Aus ihrem Rücken im Tragkorb, trug sie Bänder, Tücher', Knöpfe, Litzen, Faden und was die Bauern in den umliegenden Orten kaufen mochten. So ging sie Tag für Tag, die mühselige Last schleppend und hatte oft kaum das karge Brod; aber sie nahm von Niemand eine Gabe an. Auch vergaß sie alle Mühe, wenn sie am Abend müde und hungrig nach Hause kam und in das fröhliche Gesicht ihres Kindes blickte. Doppelt selig waren darum die Sabbate, wo die schwere Arbeit ruhte und sie ihren Benjamin immer um sich hatte, da freute sich ihr Herz an seinem hellen Verstand, an seinem kindlichen Gemüth und an seiner Liebe für sie. Wenn sie dann Morgens „in Schul" ging, betete sie inbrünstig zum allgütigen Vater für das Glück ihres Sohnes, an sich dachte sie nicht; denn ihr ganzes Sinnen und Denken gehörte, seit ihr Gatte todt, ihrem Kinde. Der Knabe wuchs und gedieh mit den Jahren, und Frau Judith blickte mit Stolz auf ihn und sie trug geduldig ihre schwere Last aus dem Rücken jahraus, jahrein; ihr Gottvertrauen wankte nie! Oft rann ihr eine Thräne über die abgehärmte Wange, wenn Weg und Steg verschneit, die Kälte sich bitter fühlbar machte, und sie wänderte einsam ihrem Dorfe zu, während ringsum in den Dörfern die Lichter freundlich glänzten und der Rauch aus den Kaminen stieg. Doch sie erhob das Auge zu den Sternen und Maariw betend schritt sie rüstig weiter, ruhig und getröstet. Wenn sie dann in dem rasch erwärmten Stübchen ihrem Benjamin gegenüber saß, hurtig das frugale Mahl fertigte, oder fleißig dessen Höschen besserte, dann sagte sie sich, daß sie doch einen größeren Schatz besitze, als alles irdische Gut gewähret und innig dankte sie Gott hiefür. Gerne hätte Judith ihrem strebsamen Knaben ein besseres Loos bereitet, aber sie war zu arm dazu. So mußte denn Benjamin bald mit der Mutter hinaus und er that es gern, erleichterte er ja dadurch ihr die schwere Last und nicht lange währte es, so konnte Frau Judith daheim bleiben, ihren kleinen Kram zu Haus betreiben, während Benjamin von Ort zu Ort ging, seine Maaren zu verkaufen. Sie waren beide fleißig und thätig; dennoch wollte es nie recht vorwärts mit ihnen gehen; denn es waren beide auch zu selbstlos und zu bescheiden, um sich im Gewühl des Lebens vorzudrängen; es fehlte ihnen das Talent überall zu erfassen und zu ergreifen, sie waren zu stolz und ihr Sinn zu hoch geartet, für ihr mühseliges Leben. So war Judith, obgleich noch nicht hochbetagt, früh gealtert, während Benjamin zu einem schönen Jüngling herangereift war, dessen Geist und Herz die liebende Mutter sorgfältig gepflegt hatte und der wohl ein Mädchenherz gewinnen konnte. Dazu war Benjamin trotz seiner Armuth als Erstgeborener zum Heirathen berechtigt und würde es ihm deshalb nicht schwer gefallen sein, ein schönes, vermögendes Mädchen zu finden, das gerne seine Gattin geworden. (Denn in zärtlicher Fürsorge für die Juden ließ der Staat damals nur die Erstgebornen für die Ehe zu.) In der That kamen viele Heirathsvermittler zu ihm, welche ihm alle „feine Parthien" wußten; Mädchen schön, gut, brav und fromm und vermögend, es war Alles beisammen; aber Benjamin wies sie alle entschieden zurück und auch kein Mädchen des Dorfes schien sein Gefallen zu erregen; seiner Mutter entgegnete er auf ihr Drängen: „Ich habe Dich viel zu lieb, um diese Liebe mit einem anderen Weibe theilen zu können." Aber ein Mutterauge sieht scharf und ist nicht zu täuschen. So erkannte Frau Judith bald, daß ihr Sohn, Lea, die Tochter des Parneß Reb Meier, - m