Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1882)
- Date
- 1882-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Stunde vor 6 Mon. sich die Herren des Verpflegungs- ComitLs zusammen gefunden. Der Redner betonte, daß diese Schlußfeier nicht gilt der selbstsüchtigen Freude, daß das drückende Joch opferreicher Mühe von den Schultern gewälzt, daß es vielmehr der Ausdruck des Wonnegefühls ist, indem das Anbrechen einer relativ bessern Zeit die Veranlassung dazu gibt. Es sei hier nur noch erwähnt, daß der Verein in der Zeit seines Bestehens über 1500 unglückliche russ. Brüder und Schwestern in feinem Asyl beherberget, mit Speise, Trank und Kleidung bedacht hat. Dank sprach der Redner in erster Reihe den Frauen und Jungfrauen aus, die freudig gerade in den Stunden, sich in den Dienst der heiligen Sache gestellt, die sonst der Leitung des heimischen Hauswesens zu gehören pflegen und so gezeigt haben, daß in den Stunden der Gefahr, die Pflichten gegen das Allgemeine höher stehen, als gegen die Familie. Ferner dankte der Redner dem Manne (Herrn Adolph Ehrlich), der in edler Selbstlosigkeit die Räume während der vielen Monate bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat, wodurch die Schaffung und Erhaltung des Asyls überhaupt möglich war. Den Aerzten, die sich ebenfalls in den Dienst der heiligen Sache gestellt, den Behörden, die das Unternehmen nach jeder Richtung unterstützt, der großen Zahl von Wohlthätern, welche durch Hergabe von Victualien und Kleidungsstücken das Unternehmen wesentlich gefördert, wurde der Dank ausgesprochen. Zum Schluß sprach der Redner den Herren vom Central-Comittz den Dank aus und betonte dabei, daß sich der Verpflegungsverein glücklich schätze, in dem Bewußtsein nach besten Kräften die schwere Aufgabe, die sich das Central-Comiw gestellt, erleichtert zu haben, die Knaben, welche mit Gottes Hilfe zu einer bessern Zukunst herangebildet werden, in das Asyl ausgenommen zu haben. Reicher, allseitiger Beifall lohnte den Redner. — Herr Justizrath Makower, als Vorsitzender des deutschen Central-Comitss nahm hierauf das Wort und sprach zuvörderst im Namen des Central-Comittzs allen Damen und Herren, die sich der schwierigen Aufgabe im Asyl unterzogen, in recht herzlicher Weise den Dank aus. Derselbe schilderte hieraus die ganze Bewegung von Beginn an wie die Kazappen, wie eine wilde Horde, auf die Unglücklichen losgegangen, und kam dann auf die Tage von Brody zu sprechen, die derselbe dortselbst erlebt. Mitten in der Schilderung fing der erfahrene Mann an zu weinen und von Rührung überwältigt sprach derselbe nach kurzer Pause Folgendes: „Sie dürfen mir es nicht übel nehmen, wenn ich weine, wer aber das Elend so gesehen, wie ich, der kann nicht anders." Der Redner erwähnte ferner, wie das Central- Comittz beschlossen, 40 Knaben nach Berlin zu nehmen, die er selbst dann ausgewählt und die er auf der langen Reise selbst begleitet. Als ersten Lichtstrahl in die finstere Zeit bezeichnete der Redner den Empfang und die Aufnahme, die diese Knaben im Asyl gefunden und wie sie sich in den 27a Monaten nach jeder Richtung hin vervollkommnet haben. Nach den neuesten Meldungen seien noch 400 Köpfe, die in Brody bald ihrer Erlösung erhoffen dürfen und in New-Aork noch ca. 1200 Köpfe, die noch nicht untergebracht, für die aber auch gesorgt werden wird. Ist auch ein Theil der Flüchtlinge aus dem freien Lande nach der Heimath zurückgekehrt, so darf man doch mit der Emigration zufrieden sein. Mit dem Wunsche, daß Geschichtsschreiber einmal diese Judenverfolgung als die letzte dieses Jahrhunderts bezeichnen könnten, schloß der Redner die mit großem Beifall aufgenommene Rede. Als dritter Redner bestieg der Herr JustizrE- Lesse die Tribüne, um als Vorsitzender des Berliner Lokalcomite's in warmen Worten Namens des Eomite's allen, die an diesem Werke der Humanität > und Opferwilligkeit mitgearbeitet, den Dank auszusprechen. Der ernste Theil der Feier war beendet t man kann wohl behaupten, daß jeder Einzelne, der derselben beigewohnt, ergriffen und sehr befriedigt war. Während die Knaben gespeist wurden, reichten die Ehrendamen den geladenen Gästen kleine Erfrischungen, und nach Beendigung des Mahles 6ej stiegen die 39 Knaben die bereitstehenden Wagen, i nach ihrem neuen Heim überzusiedeln, von dem Wunsche begleitet: „Gesegnet sei euer Ausgang und Gott geleite Euch auf allen Wegen." Wir erwähnen noch, daß vom Vorsitzenden dK Leipziger Comite's, Herrn Hermann Magnus, sowie vom Reichstagsabgeordneten Herrn Ludwig Löwe, Anerkennungsschreiben, sowie vom Rabbiner Herr Dr. Hildesheimer während der Feier ein Glückwunsch- Telegramm einliefen. Wir schließen mit dem Wunsche, daß der Allmächtige fern halten möge solche Zeit wie diejenige, die solche Thätigkeit nothwendig gemacht hat.