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Der Israelit · 1882-10-25 · Heft 43 (25.10.1882) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 43 (25.10.1882)
Date
1882-10-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1075 Feuilleton. LöS Munitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem erstenDrittel des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) Die Gefangenen schritten rottenweise ab, mittlerweile kam der Schlosser und löste mir die Ketten von Händen und Füßen. In dem Momente, als meine Fesseln fielen, gelangte ich wieder zum vollen Bewußtsein, das mir vor Ueberraschung abhanden gekommen war; und plötzlich erfaßte mich ein wildes grauenvolles Weh, wie ich es in meinem an Schmerzen überreichen Leben noch nie gekannt hatte — — jenes der Gewissensbisse! In dem Momente, wo der allgütige Gott sich meiner gnadenvoll erbarmt hatte, wo er in endlos großer Huld mit wunderbarer Plötzlichkeit meine Fesseln gelöst, in demselben Momente hatte ich mich mit bösen, verruchten Gedanken und Worten gegen meinen Gott, regen den Allherrn aufgelehnt, empört!" — Munitz stöhnte tief auf, die Seelenwunde war in sechszehn Jahren noch nicht verharrscht „Mir schien es," fuhr er nach kurzer Pause fort, >,als hätte ich mit dem einen Frevelworte all' das Gute ausgelöscht, das ich mein Lebenlang geübt; als hätte ich mit diesem einem frechen Worte mein Seelenheil verwirkt, unwiderbringlich für immer, für ewig! Ich hätte weinen mögen vor endlos schwerer Seelenqual: aber damals fand ich keine Thränen!" und Munitz schlug beide Hände vor's Gesicht und weinte bitterlich; — nach kurzer Pause fuhr er fort: „Das Bedürfniß nach einer Buße, so schwer als mein Vergehen, und wie es das Recht erfordert, mido keneged mido ergriff mich .... Ich Wurm, ich Nichts, hatte mich gegen Gott den Allmächtigen erhoben — konnte ich mich nun genug demüthigen vor ihm, um zu sühnen? .... Ich nahm mir fest vor, mich zu erniedrigen, so weit es mit meiner religiösen Pflicht vereinbar, ich hatte mit frechem Stolze mich gelobt — mit meinem Zuthun sollte mich kein Mensch auf Erden mehr je loben! Ich war ein reicher Mann: wenn ich an Armen den Zehnt oder sonst etwas spenden würde, sollten diese nie den Geber erfahren; — und kam ein Dürftiger selbst zu mir, so wollte ich ihn so hart anfahren, daß er nicht denken konnte, daß der böse Mann ihn je so reich beschenke — und ich hatte einen Sohn, nach dem ich mich in meines Kerkers Dunkel gesehnt, ich kann's Euch nicht schildern wie! — und hätte dieser gewußt, daß ich sein Vater sei, er hätte mich geehrt, geliebt, gelobt, — er wäre so gewesen, wie eben gute Kinder gegen ihren Vater sind — das Recht auf dieses Glück hatte ich verscherzt. . . . Ich schwur mir zu; mit meinem Willen sollte er nie erfahren, wer sein Vater sei; — ich wollt ihn nur sehen, in seiner Nähe leben, eine Lust mit ihm athmen, — ihn lieben, stille, verschwiegen, daß er's ja nicht merken konnte; das konnte ich mir nicht verbieten! aber ich wollte von ihm nicht geliebt, nicht geachtet sein! In dieser Stimmung traf mich meiner treuer Freund Feisch, der. sich mein Diener nennt, sein Antlitz strahlte vor Glück, er war ganz wonneberauscht, er sank im Kerkerhofe auf die Knie und dankte Gott und jubelte und weinte und lachte, wollte mir, hätt' ich's gestattet, Hände und Füße küssen, streichelte mir die Wangen, trieb unter Thränen und glücklichem Lachen tausend Kinderpossen! Doch plötzlich hielt er überrascht inne, er hatte, wohl mit Recht erwartet, einen Unglücklichen zu finden und fand einen bleichen, gramzerwühlten Mann; er glaubte, ich wäre krank, und meinte auch, es würde ihn nicht wundern, wenn ich nach neunjähriger Kerkerhaft bei schlechter Nahrung krank geworden, ich aber sagte ihm, mein Körper sei gesund, nur mein Gemüth sei siech, weil meine Seele krank geworden! In überströmendem Gefühle erzählte ich Feisch Alles; — was ich verbrochen, und was ich mir heilig hatte gelobt!.Jetzt Morai werabosfai wißt Ihr Alles!" Die eigenthümliche Art und Weise, in welcher Munitz feine Selbstanklage vorgebracht, hatte einen tiefen Eindruck auf seine Hörer hervorgerufen, und erst nach längerer Pause ergriff der Prager Raw das Wort: „Wie ging es Euch von dem Moment an weiter bis zu dem Zeitpunkt, wo Ihr vor drei Wochen durch einen Unfall heftig erkranktet? — doch verzeiht, Reb Löb, ich möchte diesen Theil Eurer Lebensaeschichte von Jemand Anderm hören, der weniger befangen ist als Ihr selbst. Jch vermuthe, daß Euer treuer Diener, der Euch ja nie verlassen hat, diese so genau kennen wird als Ihr selbst. Ich bitte Euch, Feisch Jchenhausen, erzählt Ihr uns das Weitere...." Feisch' Gesicht überflog vor Stolz und Rührung eine hohe Röthe; seine schlaffen, welken Züge, die sonst stets den Ausdruck tiefster Trauer trugen, schienen sich zu verjüngen, der geistige Seelenadel des grenzenlos treuen Mannes verschönte sein Gesicht; der weise Mann mit dem blinden Körper- und dem scharfen Geistesauge, schien in der Menschenseele wie Andere in offenen Büchern zu lesen, er hatte seinen Gedanken errathen, es war sein einziger Wunsch gewesen, es möge ihm vergönnt sein, weiter

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