Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1882)
- Date
- 1882-10-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1076 zu berichten, und nachdem er seine Gedanken geordnet, begann er: „Ich habe einmal einen Ausspruch der Gemore gehört, der da lautet, man solle es nicht versuchen, einem leidenschaftlich Aufgeregten Trost zuzusprechen, jener sei diesem nicht zugänglich. Ich widersprach also meinem Herrn nicht! .... Ich hatte gleich Kleider mitgebracht, so daß wir sofort das Gefängniß verlassen konnten. Der Herr war, wie dies nach einem gewaltigen Ausbruche starker Leidenschaft zu geschehen pflegt, schweigsam geworden; ich selbst wußte nicht, was ich sprechen sollte, und so schritten wir wortlos den weiten Weg vom Gefängniß meiner Wohnung zu. Kaum dort angelangt, fanden sich die Vorsteher der Ansbacher Gemeinde ein, die meinem Herrn zu seiner Rettung und Erlösung beglückwünschen wollten; aber er entfloh in das andere Zimmer und ich entschuldigte den Herrn so gut es anging, mit wohl begreiflicher Erregung. — Ich wollte den Sturm der Leidenschaft in seiner Brust vollkommen austoben lassen, ich wollte ihn in meinem zweiten Kämmerchen, wo er allein war. eine Zeitlang ungestört seinen eigenen Gedanken überlassen, bis er wieder aus sich selbst das Bedürfniß fühle, mich zu sprechen; aber ich war doch gezwungen, iün zu stören. Ein markgräflicher Diener war aus dem Schloß gekommen und hatte den Befehl gebracht: Herr Prager solle sofort bei Sr. Durchlaucht erscheinen- Mein Herr erklärte dem Befehle des Markgrafen nicht gehorsamen zu können, er sagte mir, er wolle ihn nie mehr sehen, er könne seinen Anblick nicht ertragen, wenn er auch in Bezug auf seine Schuld getäuscht worden sei, so hatte er doch in wilder Wuth seine Strafe zu unerhörter Höhe verschärfen lassen. Auch glaubte er, gewiß mit Recht, der Markgraf beabsichtige ihm irgend eine Satisfaction anzubieten, ihm eine besondere Ehre zu erweisen und diese wollte er im Allgemeinen und ganz besonders aus seiner Hand nicht annehmen. Rasch erklärte er, Ansbach sofort zu verlassen und trug mir auf, am Abend eine Fahrgelegenheit aufzusuchen, die ihn gleich nach Frankfurt brächte. Erst auf der Reise, wo er zwar schweigsam blieb, aber doch ruhiger geworden zu sein schien, versuchte ich es, seinen Vorsatz, sich von allen Glaubensgenossen znrückzuziehen, jeder Anerkennung scheu aus dem Wege zu gehen, sich einer ungerechten Selbsterniedrigung zu unterwerfen, zu erschüttern. Ich bot alle Gründe auf, ihn zu widerlegen; aber meine schwache Beredtsamkeit war viel zu ungenügend, seinen Entschluß zu erschüttern; nicht nur, daß ich die Vergeblichkeit meines Vorhabens einsehend, von diesem bald abstand; ich war auch dem Andrängen meines Herrn gegenüber schwach genug, mir das Gelöbniß abpressen zu lassen, ohne seine Zustimmung an fremden Orten, wo er unter unbekanntem Namen leben wollte, nie sein Vorleben zu enthüllen, dem eigenen Sohn in Prag zu verheimlichen, daß er sein Vater sei — mit einem Worte nichts zu thun, was seinen Absichten entgegenstand. Ich liebte meinen Herrn, bei dessen Großvater schon ich Wohlthaten genossen, das mag meine Schwäche entschuldigen!" „Ihr seid ein wackerer treuer Mann!" sprach der Frankfurter Raw, „und es freut mich herzlich, daß Gott es Euch erleben ließ, das Glück Eures Herrn und seines Sohnes zu erleben. Ich bin muftoch, Gott wird es Euch noch lange genießen. Euch, wie Ihr es verdient, ein hohes, glückliches Alter erreichen lassen, und ich bin auch überzeugt, Eure edlen Handlungen zählen zu jenen, von denen es heißt: Elu dworim scheodom ochel peroßehoem beolom Hase, wekeren kajemes leolom haboft") Feisch zuckte vor freudiger Bewegung empor, ergriss des Rabbi Hand und küßte sie inbrünstig, er sprach von seines Herrn Glück und was so heiliger Mund aussprach, mußte sich wohl bewahrheiten. Nach kurzer Pause fuhr er fort: „Eine Stunde vor Frankfurt in einem Dorfe, wo wir am hellen Tage ankamen, ließ der Herr anhalten, er wollte im Dunkel der Nacht ungesehen und unerkannt in seiner zweiten Vaterstadt anlangen. Noch in derselben Nacht hatte er eine lange Unterredung mit seinem Schwager Efrajim Kannstadt. Zuerst erkundigte er. sich nach seinem Sohne. Kannstadt theilte ihm mit, daß er sich genau nach den von der Familie getroffenen, von meinem Herrn gebilligten Bestimmungen gehalten und Benjamin, der ein schöner, kluger Knabe sei, sich über seine Abstammung in vollem Dunkel befinde, sein Muttererbe für ihn bei der Prager Gemeinde erliege, und für seine Bedürfnisse von Frankfurt aus durch David Wodnians Vermittelung gesorgt werde. Dann legte ihm Kannstadt die Rechnung über die Verwaltung seines Vermögens vor, das sich., da er es in seinem Juwelen- und Goldwaarengeschäfte verwendet, auch erheblich vermehrt hatte. Kannstadt setzte voraus, mein Herr werde sich wieder in Frankfurt niederlassen, und frug ihn, ob er Benjamin etwa von dem bewährten Wodnian begleitet, zu sich kommen, oder nach Prag gehen, dort das Grab seiner Gattin besuchen, seinen Sohn selbst abholen würde. Aber der Herr erklärte ihm, nicht in Frankfurt, wo man ihn kenne, ihm unverdiente Ehre entgegenbringen würde, zu bleiben, — daß ihn sein Herz mit unbezwingbarer Macht zu seinem Sohne nach Prag reiße, daß er aber dort unter seinem ur- 1) Das sind jene Thaten. deren Früchte der Mensch schon auf dieser Welt genießt, und deren Hauptlohn ihm für jene Welt aufbewahrt bleibt. — Pea, Mischna.