Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1882)
- Date
- 1882-10-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447939--19186-2475257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1074 werksmäßig zu betreiben — und heute hat es der ehemalige Sträfling so weit gebracht, daß er Leiter des Wiener Reformvereins, Redacteur des antisemitischen Organs „Volksfreund" ist. Natürlich fehlte er auch nicht beim jüngsten Congreß der Antisemiten. Das sind Deine Feinde, Israel.- Dem Berichte der vorletzten Nummer des „Israelit" ist noch nachzutragen, daß die k. k. Staatsanwaltschaft Berufung gegen das freisprechende Erkenntnis des Geschworenengerichtes angemeldet hat. Abr. Nasch. Pesth, 13. Oct. Zur Ergänzung der früheren Mittheilungen über die Tisza - Eszlarer Affaire sei bemerkt, daß der Staatsanwalt Havas in seinem am 11. d. beim Gerichtshöfe in Nyiregyhaza eingereichten Anträge das Hauptgewicht darauf legte, daß der Untersuchungsrichter endlich die seit ihrer Verhaftung, somit seit fünf Monaten, in Bezug auf die Anklage noch gar nicht vernommenen Beschuldigten verhöre. Ferner beantragte der Staatsanwalt die Freilassung des Flößers Anschel Fogel, der ein Alibi vollständig Nachweisen konnte. Budapest, 11. Oct. Die ganze heutige Reichstagsverhandlung zeigte klar, daß das lebhafte Interesse an der antisemitischen Agitation erloschen ist. Des Preßburger Redacteurs und Abgeordneten Simonyi Interpellation über die Preßburger Vorgänge war breitspurig und phrasenhaft motivirt und wurde vom Ministerpräsidenten scharf abgewiesen durch den Hinweis auf die agitatorischen Wühlereien. Die Interpellation Onody beantwortete der Justizminister ausweichend. Die Angelegenheit von Tisza- Eszlar sei in gerichtlicher Untersuchung und um diese nicht zu beeinflussen, könnte er nichts sagen. Die Interpellation Csernatonis in derselben Angelegenheit an das Gesammtministerium beantwortet Tisza und führte nebst bekannten Argumenten und der Betonung, daß er vorkommenden Falles abermals das Standrecht verfügen würde, noch gegen die äußerste Linke einen scharfen Hieb. Sie, welche sich 1848er Partei nennt, habe wohl vergessen, daß die Juden 1848 nicht wegen ihrer antimagyarischen, sondern wegen ihrer die ungarischen Kämpfer unterstützenden Haltung von Haynau mit 2 Millionen Strafe gebrandschatzt wurden. Prestbura, 7. October. Stadthauptmann Meißel in Bösing erhielt ein anonymes Todesurtheil, worin erklärt wird, daß, weil er gegen die Ruhestörer energisch aufgetreten, sein Tod binnen Jahresfrist erfolgen werde. In Duna - Szerdahely (Schütt), wo schon durch mehrere Tage den Juden die Fenster eingeschlagen wurden, fand am 4. d. M. ein allgemeiner Angriff auf Fenster und Thüren statt. Die Juden setzten sich zur Wehr und schickten die Ruhestörer, unter denen sich auch Leute aus den benachbarten Ortschaften befanden, mit blutigen Köpfen heim. Prestburg, 12. Oct. In der heute abgehaltenen vollzählig besuchten außerordentlichen General- Versammlung der Preßburger Stadtrepräsentanz interpellirte Repräsentant Dr. Moritz Pisztory den Stadthauptmann, ob in Preßburg ein antisemitischer Verein ohne ministerielle Bewilligung existire, ob der Stadthauptmann von den öffentlich eingeleiteten und quittirten Sammlungen des „Westungarischen Grenzboten" zu Zwecken des Dresdener ständigen Ausschusses Kenntniß hatte, und ob er es gestattet, daß Sammlungen zu solchen in Ungarn nicht erlaubten Zwecken veranstaltet werden, welche mit der Nächstenliebe, der Humanität und den Principien der Rechtsgleichheit nicht im Einklang stehen. Der Stadthauptmann Kozschuba antwortete, daß er einen Antisemiten-Verein ohne ministeriell genehmigte Statuten nicht dulden würde und ein solcher auch nicht existire, daß er über die Sammlungen seine Meinung in Gegenwart des Regierungs-Commiffärs Jekelfalussy dem Redacteur des „Grenzboten" offen in's Gesicht gesagt, daß er mündlich und schrifllich Höherenorts um Weisungen hinsichtlich der Einstellung der Sammlungen durch den „Grenzboten" gebeten, jedoch keine Antwort erhalten habe, und daß er künftighin im Sinne der erhaltenen Weisungen handeln werde. Die Zweite Interpellation bettaf die Aeußerung des Repräsentanten Eisenstädter gegen die Stadtbehörde. Dr. Moritz Pisztory wendet sich gegen den Magistrat, welcher die Redefreiheit der Repräsentanten durch den Staatsanwalt beschränken wollte, indem er diesen ermächtigte, gegen Eisenstädter die Klage anzustrengen. Unter lebhaftem Beifalle wurde über dieses Vorgehen des Magistrates das Bedauern ausgedrückt. Nach einem Dankesvotum an die Preßburger Militär-Behörden für ihre Intervention gelegentlich der Excesse wurde beschlossen, eine fünfgliederige Special-Commission zu dem Zwecke einzusetzen, damit dieselbe über die Vorkommnisse, sowie über den Umstand, inwieferne jeder Communal-Beamte seine Schuldigkeit gethan, Erhebungen pflege und der nächsten General-Versammlung hierüber Bericht erstatte. Allgemeine Befriedigung rief die Haltung des Obergespans Grafen Stephan Eszterhazy hervor, welcher es als Aufgabe der Regierung bezeichnte, die Antisemitenbewegung energisch zu bekämpfen.