Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1882-10-25 · Heft 43 (25.10.1882) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 43 (25.10.1882)
Date
1882-10-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447898-2447939--19185-2475256
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XXIII. Jahrgang. Erste Anlage zu Nr. 43 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Breslau. Bei Anwesenheit des Kronprinzenpaares von Oesterreich zum Kaisermanöver in Breslau, beehrten sich die Kunststickerei-Inhaber Isidor und Rosalie Reiter in Breslau, Allerhöchstdenselben, einem ihrem Atelier kunstvoll und sinnreich gefertigte Gold- und Seidenstickerei zu überreichen, worüber dieser Firma von Sr. K. K. Hoheit ein Schreiben zükam, in welchem die A nerkennung der vorzüglichenLeistungen ausgesprochen wurde. Oesterr -Ungar. Monarchie. Wien, im Oct. Den meisten Lesern dieser geschätzten Zeitschrift ist wohl jene Stelle im Talmud bekannt, wo erzählt wird, daß einst ein Verwandter des Kaisers Hadrian mit historisch bekannten und anerkannten „Antisemiten" im Traume eine Unterredung hatte, und daß ihm schließlich ein erprobter Antisemit mit Bezug auf Klagel. I. 5, „Ihre Feinde wurden zum Haupte, ihren Widersachern geht es wohl," den instruktiven Rath ertheilte, sich nur ungescheut auf das Gebiet des „Antisemitismus" zu werfen, so werde er es schon zu Etwas bringen .... Man sagt gewöhnlich: die Zeiten ändern sich und der Zeitgeist schreitet vor: allein in mancher Beziehung bleibt der Mensch, die Krone der Schöpfung, sich ewig gleich, wie das Raubthier in der Wüste, wie der Tiger in der Höhle. — Heute noch wie vor Jahrtausenden braucht selbst der civilisirte Europäer, um uns eines classischen Ausdrucks zu bedienen, jenen Schein des Himmelslichtes, den wir Vernunft nennen, gar häufig — um nur thierischer als jedes Thier zu sein, und heute noch wird jeder, der ohne Talent, ohne Genie, ohne Verdienst und ohne Bedeutung ist, aber dennoch den Ehrgeiz besitzt, öffentlich genannt zu werden, einfach — „Antisemit"; denn man braucht sich nur als Judenfeind hervorzuthun — und man ist ein gemachter Mann. Beweis für die Wahrheit des Gesagten und lebendige Zeugen dessen sind nahezu und fast ausnahmsweise sämmtliche „Antisemiten", die heutzutage so viel von sich reden machen. Wer würde ihre Namen kennen, wer von ihrem Dasein Notiz nehmen, wenn sie sich nicht als „Antisemiten" hervorthäten? Der Rath, den Bileam dem Onkelos im Traume ertheilte, beruht auf Erfahrung und Kenntniß der menschlichen Natur und wird heute noch, wie wir sehen und hören, leider nur allzu häufig beherzigt und befolgt; denn wer rasch und ohne Anstrengung „ein berühmter Mann" werden will, wird einfach Antisemit. Auf dem Boden des Antisemitismus sind die Lorbeeren gar leicht zu pflücken. Auf diese Gedanken brachte uns eine Gerichtsverhandlung, welche am 1. Tage des Hüttenfestes in den Wiener Blättern zu lesen war und über welche auch „Der Israelit" Nr. 41 genau berichtet. Auf der Anklagebank erschien ein Mann, der auf den Namen Karl Zerboni di Sposetti hört. Sein Vater war k. k. Major und ließ seinen Sohn gleichfalls für's Militär ausbileen. Aber hier find die Sporen nicht so leicht zu verdienen, und das Betragen des hoffnungsvollen Söhnchens war derart, daß er bald genöthigt war, aus dem Officiercorps zu scheiden. Eine Zeit lang pfuschte er hierauf den Journalisten in's Handwerk, bis es ihm gefiel, den „Chefredacteur" zu spielen und zu diesem Behufe die „Neuen bösen Zungen" herauszugeben, ein Blättchen, das den Klatsch und den Skandal cultivirte und aus Mangel an Theilnahme und Beachtung bald wieder einging. Nur: machte der verkannte „Chefredacteur" die wichtige Entdeckung, daß er eigentlich ein finanzielles Genie sei und begann mit der Herausgabe eines volkswirthschaftlichen Blättleins, das in seinen besten Zeiten es bis zu einer Auflage von höchstens einhundert Exemplaren brachte. Da die Welt somit für seine national-ökonomische Weisheit kein Verständniß hatte, und dazu noch das Jahr 73 kam, welches wie ein Ungewitter die Luft reinigte und die leichtfertigen Inserenten verschwinden machte, so ging der gewesene Officier und Exredacteur unter die Revolverjournalisten. Da er aber gar zu plump zu Werke ging, so wurde ihm bald das Handwerk gelegt; denn ein Erpressungsversuch an der Nordbahn brachte ihm sechs Monate Kerker ein. Aus der Haft entlassen, sann er ein Weilchen nach, was nun zu beginnen; denn sich auf ehrliche und anständige Weise ernähren, konnte oder wollte der gute Mann nicht, oder hatte es vielleicht schon verlernt; es blieb ihm somit nur eines übrig: den Rath Bileams zu befolgen und den Anttsemitismus gewerbs-und Hand-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.